Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Stimmt das?

“Avantgarden sind Begleiterscheinungen des wachsenden Zins- und Wettbewerbsdrucks. Der neue gesellschaftliche Reichtum und demografische Umwälzungen treffen im 19. jahrhundert auf Ideen, die noch mitgeschleift werden aus vorindustrieller Zeit: Erlösungsvorstellungen auf Seiten der Avantgarden und Autoritätstreue beim Publikum.”

dv in einer Rezession Rezension von Stefan Thomas Raabs “Avantgarde”-Routine, Monopol 3/2009, S. 99

18 Antworten auf Stimmt das?

  1. MartinM Februar 28, 2009 um 7:48 pm

    Es stimmt IMO nur in dem trivialen Sinne, dass es nur in einer Gesellschaft, in der es Fortschritt – oder neutraler formuliert: Wandel – gibt, eine Avantgarde geben kann. Wo sich die Dinge schnell verändern, wo die Luft brennt, da gedeihen künstlerische (und auch politische, wissenschaftliche und technische Avantgarden).

    Die Erlösungsvorstellungen auf Seiten der Avantgarden lasse ich ohne weiteres gelten, ob zur Avantgarde auch die Autoritätstreue beim Publikum gehört, halte ich dann doch für fragwürdig.
    IMO ist es gut abgesicherten Erkenntnis, dass autoritäre geprägte Menschen zu einem eher konservativen Kunstgeschmack neigen. Mag sein, dass ein autoritätstreues Publikum der jeweils “neusten Mode” oder dem “aktuellen Trend” folgt, einfach, weil “man” das so tut, wenn man nicht “out” sein will – aber Avantgarde zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie *nicht* (oder noch nicht) allgemein anerkannt ist. Also erwarte ich, dass avangartistische Kunst vor allen vom nicht autoritätstreuem Publikum geschätzt wird.

    Ich kenne Raabs Buch nicht, und es mag ja sein, dass seine soziologische Perspektive den avantgardischen Anspruch entzaubert und erdet.

    “Den gemeinsamen Kern aller Avantgarden sieht er in einer „anarchistischromantischen Utopie“, die die Freiheit der Kunst gegen die fortschreitende technische Rationalisierung der Welt verteidigt.” Ich kann mir nicht helfen, das klingt nach Klischee, das vielleicht für viele Romantiker zugetroffen haben mag, sicher aber nicht für die Avantgardisten des frühen 20. Jahrhunderts z. B. die Futuristen, die frühen Expressionisten, Bauhaus usw. . Das Problem ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts, dass es, genau so, wie es lancierte Scheininnovationen in Technik, Politik oder Design gibt, auch pseudo-avangardistische Kunst gibt, und dass es nicht einfach ist, zu unterscheiden, ob ein Künstler wirklich avangardistisch ist – oder sich nur mit einem “neuen Trend” auf dem Kunstmarkt etablieren will.

  2. momorulez Februar 28, 2009 um 8:34 pm

    Ich habe das Buch ja auch gar nicht gelesen, fad das Zitat aber interessant genug – und halte es gerade hinsichtlich der Anwendung auf Kunst für fundamental falsch, weil es nicht erklräen kann, wieso die Kunst nach Cézanne, sich auf ihn berufend, eben große Kunst sein kann. Wieso die “Verklärung des gewöhnlichen” funktionieren kann. Weiso es also Unterscheidungen zwischen pseudo-avantgardistisch und richtig avantgardistisch geben kann.

    Zudem es ja die Autoritätsteue erst Recht auch auf Seiten der Avantgarden gibt – die Kopplung an bestimmte Kritiker wie Greenaberg einst, das Dogam der Abstraktion oder der Ironie oder des “fort von der Salonmalerei”, dieses “das kann man doch heute nicht mehr machen”, das ist ja auch nicht anti-autoritär.Und gibt’s bei Polke oder Kippenberger Erlösungssehnsucht? Vielleicht durch Humor …

    Interessanter ist ja der Bezug zu den Wirtschaftsmechanismen, weil da was dran ist. Das bekam ich drüben ja um die Ohren gehauen, als ich “mich neu erfinden” proklamierte und strukturkonservativ dann mitgeteilt bekam, ich folge da doch nur den Gesetzen des Kapitals und der Produktinnovation.

  3. lars März 1, 2009 um 11:14 am

    In diesem Zusammenhang wäre ja auf die Funktion der Avantagarde als Selbstkritik der Kunst zu nennen, wie das der Peter Bürger mal sagte. Dieser enge Zusammenhang zwischen Selbstkritik (im Gegensatz zur “systemimmanenten Kritik”) und der Suche nach neuen Ausdrucksformen dürfte dann die Avantgarde von der “Pseudoavantgarde” trennen. Und dann wird es dann auch schwierig mit den Dogma, weil dieser Begriff ja auf eine Übergeneralisierung ästhetischer Glaubens- und Werthaltungen jenseits seiner Gültigkeit zielt. Was Du als Autoritätstreue bezeichnest fällt mit dem zusammen, was ich als hegemoniale Gruppe innerhalb des Feldes bezeichnen würde, der es gelang, sich als Neues, Herausforderndes und Kritisches zu etablieren, was nicht unbedingt mit deren tatsächlichen Position übereinstimmt. Ich denke da z.B. an die ganzen neuen Deutschen Historiendoku-Schinken wie “Die Flut”, “Die Flucht”, “Baader-Meinhof-Komplex”, Der Ubntergang” etc., die ja gemeinhin als neue Geschichtsschreibung gelten, aber nichts mit Selbstkritik zu tun haben.

  4. momorulez März 1, 2009 um 3:03 pm

    “Was Du als Autoritätstreue bezeichnest fällt mit dem zusammen, was ich als hegemoniale Gruppe innerhalb des Feldes bezeichnen würde”

    Na, das eine ermöglicht das andere, wobei “hegemonial” ja nun gerade gar kein Wort mit allzu viel Erklrungswert ist, wenn nicht klar ist, WIE diese Hegemonie erreicht wird. Und das passiert ja jeweils anders, wenn man RTL-Marktanteile mit der Rolle der katholischen Kriche zu zeiten der Inquisition mit Herrn Greenberg mit Herrn Habermas und dessen Rolle in der bundesdeutschen Philosophie der 80er Jahre vergleicht.

    Das mit der Selbskritik stimmt zweifelsohne, aber ist Botho Strauß’ “Ansteigender Bocksgesang” Avantgarde? Braucht man da nicht doch den Fortschrittsgedanken?

  5. Lina März 1, 2009 um 7:15 pm

    “You can’t show anyone anything he hasn’t seen already, on some level – any more than you can tell anyone anything he doesn’t already know. It is the function of the artist to evoke the experience of surprised recognition: to show the viewer what he knows but does not know that he knows.” (William Burroughs)

    Das, was man noch nicht zu kennen glaubt und doch ‘kennt’! Ich glaube, damit ist ‘Avantgarde’ in der Kunst per se umrissen, nämlich, indem es ihr Effekt (ihre ‘Aufgabe’?) ist, ein erstauntes (Wieder-)Erkennen dessen hervorzurufen, was in irgendeiner Form zwar schon vorliegt, aber immer wieder in neuen Formen erscheint und zu neuer Betrachtung Anlass gibt. Daraus, aus der Erneuerung des Alten, schöpft Avantgarde, mehr ist sie nicht, meine ich. Sind also Avantgardisten Vorreiter, die nur den Sattel, nicht das Pferd wechseln … ?

    Botho Strauss, meine ich, ist auch einer; der Fortschrittsgedanke liegt bei ihm in der fortschrittlich akkuraten Analyse des Seienden der Seienden … oder so (-; …

  6. lars März 1, 2009 um 8:19 pm

    @Momo: Fortschritt, jaja. So ist das glaube ich gemeint mit der Selbstkritik. Ist ja eine Form der Übertragung dessen, was man ja schon bei Marx fand: Was angesichts des Stands der Produktivkräfte möglich wäre, und was tatsächlich gemacht wird. Wenn was hegemonial wird, dann ist das nicht unbedingt fortschrittlich, sondern sind die ästhetischen Urteile an die Interessen der jeweiligen Trägergruppe gebunden.

  7. momorulez März 2, 2009 um 9:28 am

    @Lina:

    Meint der Burroughs da nicht “das Unbewußte”? Und ist das ‘ne materiale oder formale Bestimmung dessen, was “Funktion” des Künstlers sei? Sind das neue “Gegenstände” oder neue “Darstellungsformen”, die er da im sinn hat, und wie hängt beides zusammen?

    Und das “Sein des Seienden” ist ja eigentlich ‘ne heideggersche Formel, die in Sachen Ästehtik schon Sinn machen kann, auch, weil sie sich klassischen Wahrheitsfragen und moralischen Kategorien entzieht – aber wie kann denn ein Konservatismus fortschrittlich sein?

    @Lars:

    Wenn man das an die Produktivkraftentwicklung koppelt, dann drüfte man aber gar nicht mehr mit Öl und Tempera malen … und “Selbstkritik” ist ja ein rein formales Reflexionsgeschehen. Ist für Kunst nicht auch wichtig, WAS da jeweils der Kritik unterzogen wird?

  8. lars März 2, 2009 um 10:42 am

    Dürfte man schon, die Frage ist, was man damit anstellt.

    Und Selbstkritik: ist glaube ich nicht formal gedacht sondern historisch-sozial. Aber habe hn jetzt nicht hier rumliegen, um das argumentativ unterbreiten zu können.

  9. momorulez März 2, 2009 um 11:24 am

    Versuch’s doch selbst :-D

  10. lars März 2, 2009 um 1:21 pm

    Hmm… bin gerade an anderen Denkgebäuden beschäftigt. Selbstkritik meint ja nicht nur, dass man sagt: He, was wir machen ist blöd, weil a, b, c. Sondern eher: Was sind die Grundlagen des derzeitigen Kunst? Und wie eignen wir uns diese Grundlagen an? Und wem dient diese oder jene Form des Ausdrucks; was macht die Malerei heute? Was bildet sie ab. Wer finanziert es, wer kauft es, wo wird ausgestellt….? Und welcher Formate, Techniken, Stile bedient sich die Kunst? In welche Traditionen reiht sie sich rein, evoziert sie? Portrait oder Monochromie…?An sowas denke ich, wohl eher, wenn es um eine bestimmung der Slebstkritik geht. Daran ließe sich ja feststellen, ob sie eher konservativ oder progressiv orientiert ist. Kann das aber im Moment nur abstrakt formulieren, nicht aber am Material

  11. Lina März 2, 2009 um 4:52 pm

    @ momorulez

    >>> Meint der Burroughs da nicht “das Unbewußte”?

    Dessen aktive Übertragung in materiale Form sowie dessen passiv/betrachtete Form seiner Erscheinung, denke ich, in neuen Darstellungsformen eben, nicht als ‘Gegenstand’ an sich – wobei ich nicht weiss, was Du als ‘Gegenstand’ definierst: Form plus Inhalt, so wie ich?

    Wie beim Konservatismus; auch bei ihm kann nur die neue Form eine fortschrittliche sein. Zum Vergleich: Mode. Ein Hemd bleibt immer ein Hemd, egal wie neu es interpretiert wird.

  12. Ich bin ein Schwein März 2, 2009 um 11:17 pm

    Nein, stimmt nicht. Hingegen stimmt: Wer immer sich über Avantgarde auf diese Weise äußert, der gehört nicht zur Avantgarde – und wird das auch niemals tun. Möglicherweise ist es aber inzwischen so, dass es eine gesellschaftliche Avantgarde heute und die nächsten 30 Jahre nicht mehr geben wird. Doch, doch.

  13. momorulez März 3, 2009 um 3:52 pm

    @Lina:

    “gegenstand” ist alles, worauf wie auch immer man sich bezieht. Deshalb glaube ich schon auch, daß Fortschritt nicht ausschließlich formal definiert ist. neue Sujets sind schon auch wichtig, und sowas wie “das Unbewußte” ist ja deshlab ästhetisch so spannend, weil es eigene Formen in sich birgt, auch eigene Sujets, zugleich aber auch ein neuer Gegenstand ist. Und auch ‘n hemd kann völlig differentes bedeuten – Verhüllung von Erotik, Statussymbol, Spießigkeit, kann für ‘ne bestimmte Epoche stehen … und je nach Kontext vaiiert das noch mal. Nur Hemd ohne Hose bedeutet ja was anderes als Hemd zum Anzug oder Leichenhemd.

    @Ich bin ein Schwein:

    “Wer immer sich über Avantgarde auf diese Weise äußert, der gehört nicht zur Avantgarde – und wird das auch niemals tun.”

    Ist das so? Dann hätte es doch viele Avantgarden gar nicht gegeben …

  14. Lina März 3, 2009 um 7:29 pm

    @ momorulez

    Ich dagegen glaube (und bleibe mal dabei …): Echte Avantgarde schöpft die fortschrittliche Form aus dem Seienden, dem Ewigen – jedenfalls in der Kunst. Sie zitiert es, entdeckt es und lässt neu entdecken. Tut sie was Anderes, ist sie (mir) nichts wert, bleibt an Oberflächen, ist Avantgarde-Design.

    Denke da gerade an einen Berliner Künstler, der wie Jeff Coons in seinem Atelier eine Heerschar von Kunst-Mit- + Nach-Arbeitern beschäftigt und derzeit mit der Methode, drapierfähige Silberfoliengewebe auf riesige Leinwände zu kleben, in Serie geht. Das braucht 6 Mann und mehr. ‘Is was völlig Neues’, kommentiert er – und das sieht auch so aus (weils gross + gleissend ist), ist aber doch nur (überraschend) neue Form. Was ist sein Gegenstand? Sein Gegenstand ist Grösse + Gleissen an sich als Symbol für (schätze mal) Neo-Neo-Wirtschaftskraft: seine Arbeiten hängen vor allem beim unerschütterlich protzenden Kapital). Zweck-Avantgarde, Style-Avantgarde, Zeit-Raffer-Avantgarde, kalkulierte Ästhetik, Überholvorgänge im vermeintlich Fort-schrittlichen …

    Schlingensief war Avantgarde – und schon isser Mainstream! Die Revolution (die Avantgarde) frisst ihre Kinder … als “Begleiterscheinungen des wachsenden Zins- und Wettbewerbsdrucks”, wie’s (nach Thomas Raab) da oben geschrieben steht, Ich finde, das stimmt.

  15. momorulez März 3, 2009 um 8:10 pm

    Was ist denn schon ewig seiend? Alles fließt ;-) – nee, dann wäre Kunst ja immer nur ‘ne Rekonstruktion, und das halte ich für falsch. Klar, es gibt Themen wie Geburt, Liebe, Tod, Intrige etc., die zu je verschiedenen Zeiten immer wieder auftauchen, aber ansonsten ist mir das zu christlich. Und diese Attacken auf “ist ja nur ‘ne Mode”, mit denen habe ich tatsächlich ‘n Problem, Goethe war ja auch en vogue und aktuell isses trendy, Thomas Bernhard zu feiern.

    Und Jeff Coons würde ich nun auch nicht in eine Reihe mit Michelangelo, Cézanne oder Picasso stellen, aber mit Material stellt der schon lustige Sachen an. Dieser Riesen-Ballon-Wau-Wau aus Metall, das ist ein riesiges Paradox und zelebriert ja gerade und im buchstäblichen Sinne Oberflächlichkeit und hat somit übrigens viel mit liberaler Begriffsbildung zu tun :-D . Hat er aber auch nur von den Warholschen Silberkissen, die Idee.

  16. Lina März 3, 2009 um 8:24 pm

    Hab’ ich von Jeff Coons Arbeiten gesprochen? Nein, von einem ganz Anderen, der Deko als ‘Avangarde’ zelebriert. Jeff Coons ist viel grösser – great !

    >>> … zelebriert ja gerade und im buchstäblichen Sinne Oberflächlichkeit und hat somit übrigens viel mit liberaler Begriffsbildung zu tun.

    Da triffst Du ins Schwarze … umstandslos zugegeben.

    >>> … aber ansonsten ist mir das zu christlich.

    Nee, menschlich :-)

  17. momorulez März 4, 2009 um 8:13 am

    Der schreibt sich auch, glaube ich, Jeff Koontz …

  18. Lina März 4, 2009 um 8:56 am

    Oder auch, also written:

    ‘Artist: Jeff Koons … ‘ :-)

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