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Ich halte jetzt mal meine Benjamin-Reflexe im Zaume
Warum? Nur zu!
>>> Sonst wären als die Abu Ghraib-Bilder so gar nicht möglich gewesen – ist ja offenkundig, daß da eben NICHT ein Gegenstand erfahren, sondern allenfalls angeguckt wurde, sonst wäre die abgebildete Praxis gar nicht möglich gewesen.
Du meinst, wenn die Knipser ihr Knipsen dessen, was sie knipsten, ‘realisiert’ hätten (wäre die abgebildete Praxis gar nicht möglich gewesen)? Das sollte man meinen, ja!
Fotos von ‘nur’ dokumentarischem Wert erreichen zwar nicht den Stellenwert von Malerei, können aber doch, wie ich finde, von ihrem Gegenstand her ‘erfahren’ werden (wie man ja nicht erst an denen aus Abu Ghraib gesehen hat). Dokumentarfotografie hat also (im Gegensatz zur ‘Kunstfotografie’, der ich das nicht zutraue) durchaus “die Fähigkeit, Welt anzuhalten”, wie Lüpertz* im Interview sagt.
*dem ich übrigens in seiner konsequenten Unterscheidung zustimme; überhaupt hat mich das Interview sehr beeindruckt; danke für’s Zeigen!
“Du meinst, wenn die Knipser ihr Knipsen dessen, was sie knipsten, ‘realisiert’ hätten (wäre die abgebildete Praxis gar nicht möglich gewesen)?”
Ja, meine ich. Und gegen dokumentarische Fotos habe ich ja nx, die sind aber keine Kunst, sondern eher sowas wie Journalismus. Der ja auch künstlerisch sein kann, eine toll geschriebene Reportage zum Beispiel, aber nicht muß und meistens auch nicht ist. Mimesis ist halt nicht “Abbild von”, sondern “einfühlender Umgang mit”. Glaube ich. Oder das Zeigen des Fehlens derselben wie bei Warhol – die reine Oberfläche.
Zudem sich bei der Fotografie eben die Reflexion der Materialität oft nicht im selben einstellt wie bei Film, Malerei oder Musik, glaube ich.
ja, hmm… wollte zunächst auf die Benjaminischen Unterscheidung des Fotografen als Chirurgen und den Maler als Heiler hinaus, eine Frage der Distanz zum Material. Während der Maler zwar den Gegenstand nicht direkt manipuliert, hat das haltfür Benjamin noch was Mythisches und dann komme ich selbst in ERklärungsschweirigkeiten, weil Benjamin da auf die Chock-Ebene ausweicht um der Demokratisierung der ästhetischen Erfahrung das Wort zu reden, während ein distanziertes, auratisches Verhältnis zur Kunst halt stärker noch an der Vorstellung eines autonomen Kunstwerks festhält. Und dann ist die Frage, die sich für mich noch nicht geklärt hat, was man da eigentlich erfährt. Benjamin würde sagen: In der Haltung des Malers eben nicht das Objekt, sondern die Spannung zwischen Betrachter und Objekt, während der Choc das Entladungsmoment dieser Spannung spürbar machen soll und da bin ich mit mittlerweile eben mit dem Benjmain nicht mehr ganz einig und zögerte deshalb, weil ich Dir im Herzen ja zustimme. Mann, Postmoderne Verständigkeit resultiert manchmal in konkurrierenden, aber gelichermaßen akzeptierbaren Argumentationen
“Und dann ist die Frage, die sich für mich noch nicht geklärt hat, was man da eigentlich erfährt.”
Lustig, habe ich Dr gerade als Antwort ähnlich in den andere therad geschrieben
…
“In der Haltung des Malers eben nicht das Objekt, sondern die Spannung zwischen Betrachter und Objekt,”
Na ja, ohne diese Spannung sind ja weder Subjekte noch Objkete “zu haben”, glaube ich – das ist ja gerade das Spannende an moderner malerei, daß sie ihre Materialität eben mit-thematsiert, anders als die Fotografie, die trotz Weichzeichner und Computerbearbeitung wie bei Gursky zum Beispiel am Objekt kleben bleibt und es gerade deshalb unterwirft, wie auch die traditionelle Camera-Obscura-Malerei. Eine “Gefahr”,die Musik zum beispiel so gar nicht kennt, und ich behaupte mal, der Film auch nicht, weil in der Bewegung die Perspektivik selbst dann klar wird, wenn man vom Stativ dreht.
Aber Chirurg und Heiler, da ist ja was dran. Aber was ist dann mit “Schönheitschirurgen”?
Mit den Schönheitsschirurgen? Mann, da gab es doch diese Künstlerin, die sich ihr Gesicht hat operieren und das jeden Tag fotografieren hat lassen. Hatte für jeden Gesichtspart unterschiedliche Vorbilder. Müsste ich zushause nochmal raussuchen…
Stimmt, die kenne ich auch noch. Ganz gruselig. Nach dem Vorbild von renaissance-Gemälden hat die sich, glaube ich, ummodeln lassen. Fand ich furchtbar, aber auf jeden Fall radikal.
Ja, sah sehr fies aus. Habe Sie gefunden: Orlan heißt sie.
http://www.orlan.net/
Hmm, ich tue mich ein wenig schwer mit dem Zustimmen. Nur ein wenig, weil ich mir diese Frage so noch nicht gestellt habe. Vielmehr, weil es ein Argument gegen das Digitale ist. Streng genommen kann alles Digitale als “beobachtend” verunglimpft werden. Stimmt das da oben, so hört Kunst auf, wenn die Umwelt digital wird.
Und noch etwas stört mich. Die Wahrnehmung als Währung. Es ist nämlich genauso schwer eine Fotografie zu schaffen, “die heute überhaupt noch einer wahrnimmt”. Moderne Kunst als vordigitale Form der Aufmerksamkeitsökonomie?
Das war mein Argument für den “Stand der Produktivkräfte” als Kriteriumd er Selbstkritik der Avantgarde.
Und ist das Digitale wirklich bloß rein beobachtend? Das würde ich bezweifeln. Nur weil es auf Kodierungen basiert? Die Versuche mit Cybersex sind zwar fehlegschlagen, aber es gibt ja schon sowas wie “gefühlsecht” im Web 2.0 und das entgeht vielleicht der rein statusorientierten Aufmerksamkeitsökonomiebeobachtung.
“gefühlsecht im Web 2.0″ wäre für mich sowas, wie Don Alphonso, der ja aber gar nicht kann ohne sein biologisches Subjekt, das für ihn sieht, schmeckt und Silber kauft.
Das wäre meine persönliche Arbeitshypothese, dass Digitales es schwerer hat, sich dieser Beziehung zu entziehen, weil es eben darauf ausgelegt ist, dem Subjekt zu übersetzen.
Kunst im Digitalen muss sich dann vielleicht gänzlich vom Subjekt lösen, frei im Netz sich immer wieder an anderen Orten in anderen Sichtbarkeiten manifestieren, ohne seinen Charakter ändern zu müssen. So könnte ein Text aus 140 Zeichen sich auch als Fotocollage zeigen, über einen 9-Nadeldrucker – aufgenommen, über die analoge Welt wieder ins Digitale zurück gelangen. So ein Objekt ließe sich nicht “unterwerfen”.
… was ich übrigens auch für die Fotografie glaube – denn nur dann kann das für den Film auch gelten.
Er hat das Medium Fotografie benutzt, um zu malen. Das ist eine Haltung, die ich akzeptiere
- ich auch
Na ja, es geht nicht um “rein beobachtend” versus “nicht rein beobachtend”, und Digitales als Weg kann ja durchaus auch eine Form praktischer Aneignung/eines praktisch-auseinandersetzendes Zugang sein wie ebenso auch “reine Beobachtung”. Würde Lüpertz vielleicht anders sehen, aber so sehe ich’s mal. Und wenn die Technik im Grunde genommen alles selbst macht, kann man sich ja wirklich fragen, wo da noch künstlerisches Schaffen auftaucht.
“Kunst im Digitalen muss sich dann vielleicht gänzlich vom Subjekt lösen,”
Das ist ja dann wie dieser alte Traum Sprache, die aus sich selbst spricht, der Autonomie der Farbe usw., und ich glaube da ja nicht mehr dran. Ich halte mittlerweile trotz alledem Subjektivität wieder für konstitutiv für Kunst, selbst wenn alle Bedeutungen und auch die Produktivkraftentwicklung dem vorgängig sind.
Und Foto und Film sind völlig verschiedene Medien … ein Ton ist ja noch keine Melodie.