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Die Timmsche Currywurst war meine letzte Schullektüre, und die erste, die ich nicht mehr ganz gelesen habe. Müsste das mal nachholen.
Ist schon dolle, zudem ich die Gegend kenne wie meine Westentasche …
ich muss aber auch die ganze Zeit an Mimesis denken, und an den Spruch “Dem folgen, wohin es die Hand zieht” aus der Ästhetischen Theorie, dieses “mal schauen was passiert”, wenn ich diesem Begehren – nein, nicht nachgebe, sondern dieses Begehren in seiner Entfaltung Ausdruck verleihen suche. Niedergestochener kann ich das im Moment nicht auf den Punkt bringen.
Das ist ja auch das Groteske, daß das eigentlich Naheligendste einem begrifflich ausgetrieben wird. Man steht ständig vor dem Schematismus der ganzen, verschiedenen Begriffs- und Koordinatensysteme und sieht ganzbuchstäblich die Bäume vor lauter Wald nicht mehr.
Das fand ich so großartig an diesem “Wie man garantiert zeichnen lernt”-Buch, daß sie Techniken erläutert, wie man zeichnen lernt, was man sieht, nicht das, was man weiß. Und das geht mit Sprache ja eigentlich auch, es ist nur wahnsinnig schwierig, auf das Besondere sprachlich loszugehen. Das war ja Adornos großes Thema, das fange ich nur langsam allererst an zu ahnen, was das eigentlich meint …
Da hab’ ich’s leichter. Ich meine, dass ich die schon noch ganz gut sehe, einzelne, grade und krumme, dicke und dünne untercheide; vermutlich, gerade weil ich ohne diese Begriffs- und Koordinatensysteme bin … mein identisch eigenes nutze … dann aber natürlich auch – ein Nachteil! – die begrifflichen Bezüge nicht herstellen und benennen kann (-; …
Ich muss überhaupt zugeben, dass ich mich für aktuelle Literatur nur wenig interessiere (und so quasi bei Michel Houellebecqu, Javier Marias, Botho Strauss zu lesen aufgehört habe (bei dem also, was ich noch ‘Literatur’ nenne), und ich Neuerscheinungen, sofern sie mir in den Regalen eines besessenen (An-)Sammlers begegnen, nur an-lese und nach 10/12 Seiten enttäuscht wieder zurückstelle. Hmm.
Hab’ mich oft gefragt, warum sie mich nicht angehen, anspringen. Weil sie doof sind? Weil ich doof bin und das, was ich selbst erlebt habe, nicht fremd-beschrieben haben will? Mir (wie Du) denke: “Nieder mit dem Kalkül, der Strategie, dem accessoirehaften Durchklenieren von …” – das sollen dann lieber mal die Nachfahren in 20/30 Jahren lesen und sich ein Bild machen – sofern eines übrig geblieben ist und/oder neu er-steht – was ja viel mit der (literarischen) Form und der sich für meinen Geschmack anbiedernden Sprache zu tun hat …
Na, mit Koordinatensystemen meine ich ja gar nicht primär die akademischen, sondern auch ganz allgemein lebensweltlich aufzufindende – was jetzt aber nicht Kommentar zur Deiner Wahrnhemeungsfähigkeit mißverstanden sei, sondern als allgemeine Aussage in einem Koordinatensystem
…
Und ich bekenne, daß ich ‘nen Botho Strauß niemals auch nur mit der Kneifzange anfassen würde, was freilich auch ‘ne Aussage über mein Koordinatensystem ist.
Und ich glaube auch, zumindest ist das in dem Metier so, in dem ich unterwegs bin, daß die nicht anspringen, weil sie zu sehr auf Effekt gehen. Diese oben zitierte Passage aus der NZZ finde ich ja großartig – die schildert eben das Gegenteil dessen, was oft so auf den Büchertischen sich findet. Und das kriegste wahrscheinlich nirgens mehr unter, dieses Gegenteil. Aber das meinst Du ja wahrscheinlich mit der “anbiedernden Sprache” – Marktgeschrei zieht eben nicht in sich hinein.
Dieses Gegenteil, das in einem Purismus bestehen würde, der “unsere Bücherläden fast leeren” könnte? Meinst Du das? Mir wär’s recht … wenn genau das die Kriterien wären:
Das ist die Kunst. Aber wer ‘kann’ (-; das schon? Thomas Bernhard hat das (als Erzähler) noch hinbekommen.
Übrigens: den Botho Strauss halte ich für einen schreibenden Seismographen im beschreibbaren Zwischenmenschlichen. Nicht, dass ich bis heute Fan wäre, aber hast Du denn wenigstens sein Debut ‘Paare, Passanten’ gelesen, um sagen zu können, dass Du ihn ‘nicht mal mit der Kneifzange’ anfassen würdest? Wenn nicht, dann ist da vielleicht doch eine Lücke in Deinem Koordinatensystem (-; …
Ich habe klaffende Wunden in meinem Koordinatensystem diesbezüglich, und die Einträge hier in letzter Zeit verdanken sich vor allem dem, dass ich, als ich anfing, ernsthafter Philosophie zu studieren, meine literarischen Erfahrungen irgendwann so gut wie einstellte. Weil das für mich nicht ging, gleichzeitig Foucault, Habermas und Kant zu lesen und sich auf ernstzunhemendere Literatur einzulassen. Und dann kam halt Job mit diesbezüglich noch mal eigenen Gesetzen on top. Das ist erst durch Tschechow – mal wieder – zurück gekommen zu mir. Weil ich den mit seinen literarischen Techniken auf einmal viel philosophischer fand als einige der zuvor gelesenen Philosophen.
“Paare, Passanten” gehörte zu den Büchern auf dem Teak-Regal meiner Mutter, und um die mache ich immer instinktiv ‘nen Bogen, genau wie um all dieses grausigen Violin-Quartette und Kammermusiken daneben, mal abgesehen von den “Brandenburgischen Konzerten” Bachs, die sind toll.
Bin ja vor diesem ganzen Bildungsbürgergetümel in den Pop geflüchtet (wo sich vieles davon auch einfach so reproduziert) und will da auch bleiben und träume dann immer davon, daß aus diesem im Plural sowas wie die Forderungen von Herrn Bucheli auch entstehen könnten.
Gab ja in den zwanziger Jahren solche Ansätze auch hier, Holländer, zum Teil Brecht, Kästners “Fabian”, stets scheiternd Klaus Mann, außer im “Mephisto”, da scheitert er nicht, sowas war immer wichtig für mich. Sowohl Kirchner als auch Otto Dix gucke ich, theoretisch wohl völlig unbegründet, als frühen Pop mir an. Und Sartre liebe ich eigentlich so, weil der so eine Lust an dem hatte, was damals Pop war, Jazz, Kino, US-Schlager, und dessen Romane waren damals eine Offenbarung für mich. Im angloamerikanischen Raum gibt es sowas auch viel mehr als hier, da hatte Sartre das ja auch her, von Faulkner und DosPassos, ganz anders als hier, wo immer so ein Dünkel oder ein Zynismus sich dazwischen schob oder immer gleich Pop als Technik und Klakül des Populären. Uwe Timm ist das natürlich auch nicht, was ich meine. Trotzdem tolles Buch.
Suche jetzt halt nach was, was da anknüpft – “Die Zeit der Reife” 2010 als Pop gedacht und doch der Autonomie des Materials sich hingebend. Und so, daß es groovet und rockt und diese wundervolle Erfahrung mit über 50 Jahren seit Elvis anders sich greift, als Leute wie Stuckrad-Barre das taten.
Die Zeit der Reife 2010?- ja, die Sartre-Romane waren riesig. Kennst Du die Romane von Rafael Chirbes, v.a. “Der lange Marsch” und “Der Fall von Madrid”? Das war für mich irgendwie die Fortsetzung von Sartre und auch des “Der glückliche Tod” von Camus.
@ momorulez
Tolle ‘Bio’ btw.! ‘Klakül’ gefällt mir übrigens besser als ‘Kalkül’; da ist der Claqueur schon drin und die Claqueusen des Populären …
Teak war out, als Botho kam! Bei meiner Mutter stand er nicht im Regal, dafür die Bertelsmann-Leseclub-Helden (inkl. Faulkner), bei mir erst auf Ikeakiefer, dann auf Blech, jetzt auf Glas. Auch so eine Kulturgeschichte der Wertigkeiten, das mit dem Mobiliar. Vom Nutzwert zum gediegenen bis gehobenen Bedarf, über Protz und Pragmatismus bis hin zum ‘klakülierten’ Schrott beim Deko-Wohnen …
@Lars:
Nee, kenne ich natürlich wieder nicht, peinlich. “Der Fremde” von Camus hat mich damals allerdings auch umgehauen … habe ich bei der Rund-um-die-Uhr–Querschnittgelähmten-Betreuung im Zivildiesnt gelesen
… und da hatte ich ja immer zwei Wochen frei, stand dann in der Nordheide (da wohnte der) und dachte “Mönsch, ALLLES ist möglich!” Und mit 27 rauschte das Leben dann doch auf mich zu …
@Lina:
Bertelsmann gabs da auch
… und ich habe ja einfach weißes Plastik als Regal. Und da sthet tatsächlich vornhemliche philsophisch- soziologische Literatur. Aber das ändert sich ja dann. Und ich glaube, Du vverstehst falsch, was ich mit “Pop” meine, das liegt aber daran, daß ich’s ja selbst nicht genau weiß, was ich da meine …
@”was ich mit “Pop” meine, das liegt aber daran, daß ich’s ja selbst nicht genau weiß, was ich da meine …” ;-D
@ momorulez
Na ja, was Du mit Pop meinst, kann ich natürlich so gesehen (wenn Du es selbst nicht weisst) nicht wissen, aber in meine, dass pop(ulär) ist, was gerade (oder länger) im Sinne einer Mehrheit des Volkes angesagt ist. Das wäre dann Pop, meine ich, sind Pop-Stars, sind poppige Trends, Pop eben. Während ich z. B. nicht weiss, ist, warum ‘Poppen’ poppen heisst – nur, weil’s als Volks-Sport (?) populär ist? Könnte doch aus konventioneller Sicht ebenso gut ‘toppen’ heissen, und zwar demokratischerweise im Bezug auf beide Geschlechter – der ‘noergler’ fällt mir gerade wieder ein (-; …
Also, hier erklärt sich mir der Wortsinn im Wortstamm nicht so recht; mehr will ich damit auch nicht gesagt haben.
Irgendwas meine ich aber!
Ging an Lars – ich meine zumindest weit mehr, als das, was nun gerade jetzt “populär” ist. Ich meine eher eine lustvolle Erfahrung eklektizistischer, stilistischer Reflektionen von Materialität, die eben “Pop-Appeal” hat, also allenfalls die Möglichkeit des Populären in sich birgt. Eine bunte, knallige, facettenreiche Form, die nicht auf Hochkultur-Dünkel und Distinktion setzt, nicht intellektualisiert, und trotzdem intelligent, mit Spaß, Pathos und Musik (Groove und Melodie) sich mitten in’s Leben statt vom Elfenbeinturm stürzt.
Ah, also doch eine abgehobene, höherwertige Definition, als sie der Wortstamm alleine hergibt. Gefällt mir gut, ist alles drin, was auch meinetwegen Pop werden könnte/sollte …
Rufus Wainwright ist ein Musiker, der das par excellence betreibt. Sowas müßte auch in der Literatur möglich sein. “Kill your Friends” von David Niven ist ein Buch, dem das meiner Ansicht nach gelingt. Großartig, wenn auch bitterböse.
@Lina: Ich glaube jetzt einfach mal, dass “poppen” onomatopoetisch zu erklären ist. Toppen hingegen ist nicht ganz so einfach, ich denke hier etwa an die Top/Bottom-Unterscheidung, die das “Toppen” dann nur der einen Hälfte zuspricht. Deshalb wäre Missverstehen wohl vorprogrammiert.
@Momo: Siehste, den David Niven kenne ich dafür nicht, denke aber nach Deiner Beschriebung (Eine bunte, knallige, facettenreiche Form, die nicht auf Hochkultur-Dünkel und Distinktion) oben an die vier Romane von Matt Ruff, m.E. das beste, was postmoderne Poperzählungen so hergeben kann.
Und dass Du den Rufus Wainwright erwähnst, finde ich spannend, weil ich (obwohl wenig von im gehört) den immer etwas in die konventionellere Singer-Sonwriter-Ecke gesteckt habe, was die musikalische Form betrifft.
@ lars: ‘Onomatopoetisch’ also? Danke, dann ist ja alles klar … nachdem ich nachgeschlagen habe (-; …
@Lina: Ich wusste, dass Dir das Wort gefallen würde
Ich kenne das auch gar nicht, das Wort – und, um in die Vollen zu gehen, Lars, ha!, nicht übel nehmen, eines der Probleme der linken akademischen Milieus ist es halt, Rufus Wainwright als “konventionell” einzurordnen, nur weil er nicht irgendwelchen auf Avantgarde getrimmten Krach macht. Das sind zum Teil Texte, nur zum Teil, Texte, die ziemlich tief eintauchen in Erfahrung, und musikalisch und von den Arrangements her ist das einfach so dermaßen sauraffiniert und verbindet bestimmte Indie-Linien mit Tin Pin Alley, Oper und sogar Musical und Operettte, und das finde ich persönlich ja besonders spannend, solchen Formen wieder was abzugewinnen, so Kracher wie Léhars “Dein ist mein ganzes Herz” LIEBE ich ja über alles, am meisten von den 3 Tenoren gesungen
… . Ob Zwölftonmusik oder die Neubauten, das war ja jeweils aus der Zeit heraus und in der Zeit und über diese hinaus gigantisch, aber wenn man das jetzt reproduziert, dann isses ja selbst nur ‘ne bildungsbürgerliche Konvention.
Matt Ruff muss ich auch erst mal googlen …
Ich bin doch nur um Eure Bildung besorgt
Deswegen verzeiht das linke akademische Milieu auch gerne und tritt umgekehrt in Fettnäpfe, die kurz zuvor noch als Brücken Brücken kodiert wurden.
@Momo: Ich ja auch tatsächlich die musikalische Form und nicht die Texte angesprochen. Finde, was ich von ihm gehört habe, auch ganz gut. Habe hier nur zwei Stücke auf dem Rechner, ein Beatlescover und dann “Gay Messiah” von 2005 glaub ich. Ziehe das henrelle Urteil also zurück. Aber ich sag es mal so, wenn ich nicht die linke akademische Musiksozialisation durchlaufen hätte,(die ich eigentlich kaum je mit dem linken akademischen Milieu diskutierte, die Studienkollegen hörten entweder 80er oder Techno…), würde ich den Rufus vermutlich gar nicht kennen.
Wäre doch auch der letzte, der hier aufforderte, nur noch Zwölftonmusik zu machen und finde mich in letzterer Zeit weider häufiger an meiner Akkustikgitarre, Akkorde schrammelnd…
“und finde mich in letzterer Zeit weider häufiger an meiner Akkustikgitarre, Akkorde schrammelnd…”
Super!
Und der Gay Messiahs, der aus dem 70er-Jahre-Porno aufersteht, der ist doch großartig! Finde ich super.
Bei dem macht es auch Sinn, tatsächlich mal ganze Alben durchzuhören. Ich mag das “Poses”-Album eigentlich am liebsten, aber das ist umstritten … und dieser Song mit dem Art-Teacher zum Beipiel, wow! Der Typ ist schon ein kleines Genie.
War mal auf ‘nem Konzert hier auf Kampnagel, und bei allen Trash- und Camp-Intermezzi hatte das eine deratige Intensität, daß einer meiner Hetero-Kollegen das gar nicht ausgehalten hat. Nicht wegen als dem Rumgeschwule, das war ihm einfach zu emotional. Der fühlte sich dadurch fast belästigt, durch die Intensität und Emotionalität. Und dann isses gut
… weil’s dann Erfahrung ist. Cool Jazz hören kann ja jeder
– ist aber auch toll, by the way.
@Cool Jazz. Findste? Hatte ich nie so den rechten Zugang zu. Für mich war das erste wirkliche Jazz-Erfahren Camus’ “Die Pest” in der Aprilsonne lesen und Weather Reports “Black Market” hören. Im Prinzip gab es da vorher dieses Stück von Nina Simone “No Smoke in Bed” mein ich, aber das hatte ich noch nicht wirklich als “Jazz” gehört.
Habe in meinem i-pod ein “Ballads”-Album von Charly Parker, und das liebe ich schon sehr – höre sowas auch gar nicht oft, aber mögen tue ich’s schon. Das ist so Sonntagmorgen-Musik, finde ich
…
Das wiederum kann ich gut verstehen – Jazz am Sonntag morgen. Bei mir isses dann eher Chet Baker.
>>>… hatte das eine deratige Intensität, daß einer meiner Hetero-Kollegen das gar nicht ausgehalten hat. (…) Der fühlte sich dadurch fast belästigt, durch die Intensität und Emotionalität.
Offen und völlig wertfrei (!!!) gesagt: mir ging es ähnlich – so dass ich mich frage, wie es wohl kommt, dass die emotionale ‘Temperatur’ in Schwulen-Kneipen um so vieles höher liegt als etwa in Lesben-Kneipen – gegenüber einem mässigen Mittelwert dann in den Hetero-Kneipen? (Hab’ das eine Weile beobachten können, als durch mein berufliches Umfeld Kneipenbesuche der nicht heterogenen Art angesagt waren.)
Die ihnen gemeinsame Lust am ‘Verstoss’ gegen die Norm kann es ja demnach nicht sein, wenn das Klimatische derart differiert, sondern eher, dass sich das Klischee von der Gewichtung der Anlagen – Rationalität = männlich, Emotionalität = weiblich – in sein glattes Gegenteil verkehrt. Meinem Eindruck nach zeigten sich Lesben dort eher ‘cool’, Schwule dagegen hochemotional.
Ja, doch, kaum zum Aushalten damals, auch für mich (-; …
Siehste mal, das ist schon wieder Dein nicht-integrierter Neptun
… schwimme, Fisch!
Zudem es mir als eigentlich ja kühlem Norddeutschen eigentlich auch auf den Sack geht, wenn zu viel demontratives Emotionalisieren von Personen ausgeht.In Köln z.B. halte ich’s ja deshalb nicht lange aus, da sei das Hamburger Understatement vor.
Insofern lege ich schon Wert auf die Unterscheidung z.B. zwischen hochemotionaler Musik, sind die frühen Neubauten ja zum Beispiel auch, “Meine Seele brennt”, mehr geht ja gar nicht, und dem Verhalten von Menschen beim Ausgehen.
Und ich glaube auch nicht, daß das richtig ist, was Du mit der “Gewichtung der Anlagen” schreibst. Zwar ist dem Schwulen sowieso immer sowas wie Patriachatskritik inhärent, die allerdings auch deftig in’s Gegenteil umschlagen kann, aber ich glaube, daß vieles in schwulen Kontexten in’s Extrem umschlagen kann, weil’s keine Role-Models gibt, und dann probiert man halt rum.
Man hat halt den Bonus der Selbstverständlichkeit nicht, hinter dem ihr euch verstecken könnt mit all euren verkümmerten Emotionen
, während unsereins ja genötigt wird, zu einer “Identität” zu finden, die eben auf Emotionalem und Sexuellem komplett basiert. Und man handelt viel mehr aus, was bei Heten eh klar ist. Und ein großer Teil der “Wirtschaftsgemeinschaft”, der zumindest bei Heten, die irgendwann Kinder haben wollen, ja doch eine Rolle spielt, der fällt halt weg, und da werden die Heten schon für sorgen, daß das selbst bei neuen Rechts-Institutionen auch immer so bleiben wird, um sich werweißwaswie überlegen zu fühlen, nur weil ihre kinderloese Gattin eben Gattin und heilig ist und mein Lover eigentlich “nur” ein “Lustknabe”. Und damit geht man dann um, und manchmal wird das schrill.
Usw. – das sind schon viele Faktoren, die da ‘ne Rolle spielen. Man ist halt immer ein wenig karnevalesk, während die Heten das dann nur am Rosenmontag ausleben …
Zu “coolen Lesben” kann ich mich da nicht so äußern.
Das hast Du mir jetzt sehr gut erklärt, das Schwule an sich, ja, sogar (haut-)nahegebracht – ich danke, als kühl schwimmender Fisch selbstredend: ‘cool’ (-; !
Ich glaube allerdings, dass aus Deinen Worten bezüglich der hetero-genen Rezeption eine gewisse unangebrachte Paranoia spricht, die eigentlich -von mir aus gesehen – keinen Boden mehr hat. Wobei ich – sofern doch gegeben – jedes Extrem, auch das ‘karnevaleske’ (!) am Agieren Schwuler verstehen kann.
>>>Zu “coolen Lesben” kann ich mich da nicht so äußern.
Dann vielleichmal bei Somlu nachlesen – wie Karnval dort ausfällt
…
“Ich glaube allerdings, dass aus Deinen Worten bezüglich der hetero-genen Rezeption eine gewisse unangebrachte Paranoia spricht”
Was gewisse Milieus betrifft vieleicht, kann schon sein. Wobei ich schon glaube, dass man in manchen Bereichen tatsächlich sensibilisierter ist, als die normale Hete das wahrhaben will. Wenn mein Mit-Gesellschafter aus Versehen in eine Homo-Party gerät und hinterher referiert, er habe ja gar nix gegen Händchen haltende und knutschende Schwule, aber so eine Veranstaltung sei ihm dann zu einseitig, und ich erwider “Komm, genau das ist unsere Alltagserfahrung, diese heterosexuelle Einseitigkeit, wir haben das immer und überall”, und er von selbst nie auf die Idee gekommen wäre, darüber auch nur nachzudenken, dann ist das ja nix Böses, aber es sagt halt was aus.
Und die Diskussion mit Rayson hier – bzw. drüben – zur Homo-Ehe werde ich auch nie vergessen …
Du meinst seine Bemerkung, auch er befände sich schliesslich im ominösen, aber doch irgendwie glamourösen Status eines gegen Normen + Regeln Ver-Stossenden, weil er (als Altkatholik) mit seiner Liebsten ohne Trauschein zusammenlebe? Ein horribles + zugleich verschämtes Missverständnis + eine der raren Rayson’schen Fehlleistungen …
Ja, das zugrunde liegende Missverständnis ist ja, dass sich die Schwulenkultur als Oppositionskultur herausgebildet hat, und damit dann auch Anknüpfungspunkte für die Identität des Einzelnen ausbildet, obwohl der Einzelne ja vielleicht einfach nur seine Liebe leben möchte, was aber vom normativen Heterosexismus verstellt wird. Und während die Altkatholiken sicherlich nicht die vorherrschende Kultur repäsentieren, eher die restriktiveren Komplizen sind, weil sie im Prinzip die selben Werte teilen, aber deren konventionelle Handhabung dann strenger ausfällt. Das macht es dann leicht, sich als progressiv zu verstehen.
Jetzt habe ich diesen Satz nach “Missverständnis ist ja” vergessen: , dass dann in einer Projektion “der” Schwule als ein sich in der Pose des Widerständlers Gefallenden verstanden wird – ein Vorstellung, die sich aber wohl als Effekt der Schwulenkultur…
Ja – der Soziologe hat übersetzt, und ich kann ihm gut folgen (-; …
Die Pose des Widerständlers, also auch die des gegen die Regel unverheiratet Liebenden macht allerdings in konfessionellen Kreisen nur so lange Eindruck, als sie als ‘fix’, also beständig honoriert wird, während dem Schwulen seine (vermeintlich?) oft wechselnden Beziehungen nicht gegönnt werden; ich sage ausdrücklich: gegönnt, denn eigentlich hätte man sie ja selbst ganz gern. Ach, it’s a mess …
Und die “Schwulenkultur” als “oppositionelle Kultur” ist ja immer’ne Sub in der Sub gewesen, viel häufiger waren ja die Formen, die sowas wie eine Externalisierung der reinen Triebabfuhr aus dem sonstigen Leben betrieben haben, und das ist ja bis heute alles andere als verschwunden. Auch bei Heten nicht, übrigens, deshalb gibt es ja Prostitution.
Das unterscheidet ja auch Wowi von Herrn von Beust – bei letzterem isses ja tatsächlich schnurz, und so haben Heten das auch am liebsten, wenn sie sagen können: “Ist mir doch egal, was der sonst so treibt, Hauptsache er ist ein guter Politiker, und Schwule ziehen sich wenigstens vernünftig an”. Während Wowi, viel szeniger und seinen Gatten überall einbeziehend, sofort das Etikett der “Party-Schwuchtel” umgehängt bekam, weil das ein Ort ist, wo die Hete auch mal auf Homos trifft und wo sie instinktiv zuordnet: Verlottert, hlabseiden, extrovertiert und auf Droge vögelnd.
Auch die ganzen ach so links aufgeklärten St. paulianer reagieren hyperallergisch, wenn Corny Littman auf sein Schwulsein anspielt. Als müßte man sich als Homo nicht PERMANENT AUCH Hochzeiten, Knutsch-Szenen, First-Ladies usw. reinziehen, ohne daß das überhaupt jemand merkt, daß das an der Sexualitäts-Achse angeordnet ist.
Und, nee, Lina, ich meine ‘ne Diskussion bei Shifting Reality, wo dann irgendwann bei Kommentar 88 bei Rayson durchschien, daß es bei der heterosexuellen Ehe ja um mehr ginge als in homosexuellen Partnerschaften, angedeutet wurden dann Kinder. Es konnte aber nicht erläutert werden, inwiefern dieses “Mehr” auch für kinderlose, heterosexuelle Partnerschaften in Anspruch genommen werden könnte, wurde es aber, eher unbegründet.
Homos spielen ein bißchen, Heten machen ernst in Tiefe und wahrer Liebe, für mich hatte das solche Konnotationen. Der “Lustknabe” da oben ist ja auch ein Real-Zitat, ganz ausdrücklich nicht von Rayson – da ging’s um die Frage, ob denn schwule Lebenspartner beispielsweise aus Thailand genau so “hier rein” dürften wie eingekauften weiblichen (!!!) Pendants. Und da kam dann irgendeijn CSU-Politiker um die Ecke und meinte, daß man eine Ehefrau ja nicht mit irgendeinem Lustknaben vergleichen könne.
Und das ist schon ganz außerordentlich wirkungsmächtig, weil sonst diese ganze depperten Evangikalen und ähnliche gar nicht auf die Idee kommen könnten, schwule Beziehungen würden irgendetwas infrage stellen, was Heten so treiben, was ja einfach nur Unsinn ist.
Daß übrigens wie üblich keiner in der Diskussion an lesbische Mütter dachte, das sagt auch immer viel aus über die Art, wie sie gefühhrt werden, durchaus auch von meiner Seite.
>>>Daß übrigens wie üblich keiner in der Diskussion an lesbische Mütter dachte, das sagt auch immer viel aus über die Art, wie sie geführt werden, durchaus auch von meiner Seite.<<<
Wie meinst Du das? Die mütterliche Eignung der Lesbe bleibt unerwähnt + ungefragt, weil als selbstverständlich vorausgesetzt?
Ich erinnere mich an das Boulevard-Gebrülle um Patrick Lindner, dessen Adoptivsohn nach der Trennung vom Partner zu einhellig grossem, ja, schreiendem Bedauern nun ohne die zweite Bezugsperson (des schwulen Elternpaares) auskommen müsse; komisch, als ob da sonst jemand fragt … doch da standen plötzlich alle Muttis auf den Barrikaden.
“Homos spielen ein bißchen, Heten machen ernst in Tiefe und wahrer Liebe, für mich hatte das solche Konnotationen.”
Dabei ist gerade diese ganze “Beziehung ist Arbeit”-Semantik, aber auch das Modell, dass man sich um der Liebe willen liebe und darüber hinaus keine Legitimation für das Zusammenleben bedürfe (Giddens nannte das vor 20 Jahren mal “confluent love”), was beides dem “Spielen” entgegen steht, so richtig erst durch die Lesben artikuliert worden. Oder man nehme die Hetero-Romantik, deren Erzählungen immer da enden, wo das Paar zusammenkommt und vergleche sie mit der homosexuellen Literatur, wo das Zusammenkommen erst den Anfang der Geschichten bildet.
“Wie meinst Du das?”
Daß Lesben in der Regel niemand auf dem Zettel hat,wenn das diskutuiert wird, weil es sich im Grunde genommen der Diskussion entzieht, sich schwängern zu lassen – wie auch immer – und dann aber nicht mit dem “Erzeuger” das Kind großzuziehen. Das ist halt sehr stark eine Diskussion aus Männer-Perspektive. In der, wie Du auch schreibst, die “alleinerziehende Mutter” auch nicht auftaucht, weil’s ja deren Determination ist, sich doch wieder ‘nen Kerl zu angeln.
>>>… sich schwängern zu lassen – wie auch immer –
Darf ich um ‘ne Samenspende bitten? Ich angle mir auch ‘nen Kerl dazu, versprochen … oder aber ich stell’ Dir + Deinem Lover das fertige Kind zu – wie Du willst. Wär’ doch gelacht, wenn wir keine integrative, multi-patente Lösung des komplexen soziologischen Problems fänden !!!
Pardonne moi, schliesslich ist Karneval
…
@ lars: Wie Recht Du hast!
>>>… diese ganze “Beziehung ist Arbeit”-Semantik …
… tut nicht gut (wer auch immer das zuerst artikuliert hat) … anstatt zu gehen, wenn es aus ist (siehe auch Lenny Kravitz’: It ain’t over ’til it’s over … ). Lesben, behaupte ich, sind pragmatisch Liebende … sofern es das geben kann (-: …
>>>… deren Erzählungen immer da enden, wo das Paar zusammenkommt
Kluge Konfiguration! So bleibt dem Leser die Einsicht erspart, dass Illusionen Desillusionierungen nicht standhalten (-; …
Sorry, wiederum dem Karneval geschuldet
…
“Darf ich um ‘ne Samenspende bitten?”
Schicke ich Dir per mail!