POPe
Wo das hier langsam zum Papst-Blog wird – irgendwie fasziniert mich dieser Macht-Stratege ja -, sei doch auch mein neuer Freund Andy in Kürze zitiert. Weil’s ja zweifelsohne so ist, das keine andere Institution Massenmedien und Ikonographie so nachhaltig zu nutzen wußte wie die Kirche, wenn auch der erste Bestseller gegen den Papst gerichtet war und Selberlesen statt päpstlicher Expertisen proklamierte.
Insofern stehen Papst-Portraits und all der Pomp all ihrer Inszenierungen ganz am Anfang allen Pop-Geschehens, auf der Meta-Ebene Hand in Hand mit den Gladiatoren, faktisch deren Löwen gegenüber, „Brot & Spiele“ ist da ja auch eine wichtge Wurzel.
Die sixtinische Kapelle haben wir denen ja auch zu verdanken und so vieles andere mehr, während die Protestanten als Bilderstürmer auftraten, dafür in Sachen Musik mit Bach aber doch den Größten auf ihrer Seite hatten – deshalb ist so vieles in der Pop-Kritik auch so unangenehm puritanisch und groovet trotzdem.
Aber lassen wir Andy Warhol selbst berichten – gerade eben noch hat er auf einer Vernissage, die zum ekstatischen Happening ausuferte, seinen Mythos mit begründet, da weist ihm die Konkurrenz den ihm gemäßen Platz zu:
„Ungefähr eine Woche nach Philadelphia erhielt ich eine Lektion in Sachen Showbuisness und Pop. Man glaubt, man wird berühmt, und dann kommt just in dem Moment jemand daher und degradiert einen zur Warm-up-Nummer für eine abendliche Amateurveranstaltung: Papst Paul VI. Vorab-PR? – Jahrhunderte, kann ich da nur sagen.
Der Papstbesuch in New York City war von allen öffentlichen Auftritten der Sechzigerjahre eindeutig am meisten Pop. Der Papst absolvierte alles an einem Tag, dem 15. Oktober 1965. Es war der am besten geplante und am ausführlichsten von den Medien gecoverte Auftritt in der Geschichte der Religion (und wahrscheinlich des Showbuisness). „Noch nie zuvor in New York! Nur einen Tag! Der Papst in New York City!“.
(…) (Auf die Frage, was ihm an New York am besten gefallen habe, antworte der Papst, MR) „Tutti buoni“ („Alles ist gut„), was genau der Pop-Philosophie entspricht. Noch am selben Abend war er wieder in Rom. All das in so kurzer Zeit mit so viel Stil zu absolvieren – mehr Pop kann ich mir nicht vorstellen. (…)
Naomi Levine stand neben mir und war wieder mal in der Stimmung, mit mir über Pop-Art zu streiten und darüber, ob ich ein „Schwindler“ sei oder nicht, schließlich spazierte sie davon, ich stand da und dachte darüber nach, dass Papst Paul VI. höchstpersönlich an diesem Nachmittag direkt an der Factory vorbeigefahren war, ich meine, der Papst, der Papst!
Später kam Tenessee Williams vorbei, und wir unterhielten uns über Selbstmord.“
Andy Warhol & Pat Hackett, POPism, München 2008, S. 216-218
Was für ein schönes Zitat. Dieses Jahr hat ja bereits vor seiner Geburt alles mitbekommen, um POP zu werden. Ein Schwindler mit Selbstdisziplin oder ein staatstragender Prasser.
Das ganze Buch ist der Knaller. Das macht richtig Spaß. Ich war ganz traurig, als ich es durch hatte.
Und da ich ja ein überzeugter „Krise als Chance“-Vertreter bin, glaube ich tatsächlich, daß Dank der Implosion dieser ganzen Kapital-Konzentrationen Raum für ganz viel Neues in Kunst und Popkultur entstehen wird!
Huch, seit wann bist Du denn Warhol-Freund? Seit dem Buch? Ich hatte vor gut einer Dekade sein „von A bis B und zurück“ gelesen und war eher enttäuscht.
Tatsächlich erst seit der Lektüre von POPism. Ich habe vorher bei Warhol immer nur Kälte und Voyeurismus wahrgenommen, aber gar nicht diesen tuckigen Humor. Und dieses Amphetamin- und speedgeschwängerte Leben in der Factory unter lauter Transen und sonstigen Outsidern, gekoppelt mit lauter Jet Set-Gören, das hat ja was.
Zudem er sehr viel über das Filme-Machen schreibt, und mit der Dimension bei ihm habe ich mich nie ernsthaft beschäftigt.
Ist aber auch ‘ne Folgeerscheinung von der „Rip it up and start again“-Lektüre von dem Simon Reynolds. Weil ich immer schon fand, daß bestimmte Weise der linken „Authentizitäts“-Ästhetik im Grunde genommen Konservatismen sind. Und Warhol hat in seinen Filmen und auch in dieser Factory-Lebensform authentisch und artifiziell als Gegensatz aufgehoben. Sowas fasziniert mich gerade. Der findet in der extremen Affirmation noch ‘nen Bruch.
Ein kleiner, fieser Sadist war er offenkundig trotzdem. Aber das traf ja nicht nur die Falschen: Alleine die Story (die ich schon kannte), wie er zu einem Vortrag bei einem Psychiater-Kongreß eingeladen war und da dann Velvet Underground und ihre Peitschen-Performance auftreten ließ, um zugleich lauter Kamerateams, die schweinwerferbewehrt pentrante Fragen an die Psychiater stellten, auflaufen zu lassen – das finde ich schon großartig.
Die Episode mit dem „Exploding Plastic Inevitable“ und den Psychiatern kannte ich gar nicht, obschon deren Perdormance.
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