Die Aprésgarde will Kontemplation!
„Wann fing es an, so aufzuhören“ (Hildegard Knef)?
„Agendasetting“, „Trends setzen“, „Begriffe besetzen“, Lenin überall dort, wo Drecksäcke sich tummeln, bei den Werbebolschiwiki und inmitten der Kader der Bertelsmannstiftung (führen die da wohl intern in den Gremiensitzungen auch so was wie Schauprozesse? In größeren Organisationen ist das üblich, in Banken, Sendern und Versicherungen …) – was ist jetzt eigentlich besser: Avantgarde sein oder zu erleiden, dass man dem hinterher zu hecheln genötigt wird, was andere anrichten, permanent?
Bei Marx läuft der historische Prozess dem individuellen Bewusstsein eh vorweg; seitdem ich twittere (unten rechts auf dieser Seite), habe ich einmal mehr verstanden, was das bedeuten können könnte: Die 140 Zeichen sind Form fürs Medium der Sprache mal wieder neu, und das macht Spaß. Man braucht wohl doch Spielregeln und Formen für Spaß. Die reine Spontanität des Ich ist sich selten genug, kann sich so reiben, und Reibung kann Lust erzeugen!
Alleine schon deshalb spürt man einen leichten Hauch nur, keinen Sturm der Utopie da inmitten der 140 Zeichen, weil jenseits depperter „Promotion-Tools“ für Popstars und ähnlichem Gesocks mir nicht einfiele, wie man damit Geld verdienen können sollte – also mit dem, was man da schreibt, nicht mit „Twitter“ an sich. Und dann ist’s gut.
Gut, als News-Medium isses natürlich sehr schnell, aber damit wäre schon mal klar, was man ganztägig geißeln, bespucken und beschimpfen sollte: News per Twitter. Es sei denn, es könnten dadurch gerade Leben gerettet werden. Aber vielleicht tut’s da ja auch ein Anruf? Um dem Twittern die Zweckfreihheit des Werkes zu wahren?
Oder hatte Monsieur Débord nicht doch recht mit seiner Hänger-Philosophie der totalen Verweigerung des Werkes? Hartz IV als totalitäre Praxis läuft darauf hinaus, genau diese Nicht-Praxis brutal zu unterdrücken, das zu negieren, was Guy Débord einst forderte: Den Entzug von all den Drogen alltagsweltlichen Hamsterradlaufens. Und dann muss an ihm was dran sein. Weil sie dem „Faschismus ist nicht, sprechen zu unterdrücken, sondern zum Sprechen zu zwingen“ Roland Barthes am konsequentesten etwas entgegen setzt.
Wann fing es an, so aufzuhören? Im ersten APPD-Programm Anfang der 80er wurde noch offensiv gefordert, die deutsche Teilung anders zu reproduzieren: Eine Hälfte, in der geschuftet wird, eine andere, in der man es sich gut gehen lässt (wer jetzt über den „Solidarpakt“ witzelt, will nur den Genuss verderben, den manche ja haben könnten, wenn man ihnen nur nicht ständig einreden würde, nutzlos zu sein und dass dies schlecht sei, um so Kants „Instrumentalisiere niemanden!“ unaufhörlich aus dem Bewusstsein zu prügeln - im Sinne eine Widerstandes gegen instrumentelle Vernunft ist Arbeitslosigkeit ja eigentlich zu fordern, immer mehr davon, und all die Repressalien dienen wohl nur dazu, dass das keiner merken soll, dass wieder Spaß einkehren könnte jenseits von Distinktion und dem Neid aufs Ausschlafen – was ist das eigentlich für eine pervertierte Leidkultur, die „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ in ihren Sprichwortschatz integrierte??? ).
Fast wirken Sloterdijks Gaben ans lesende Volk wie eine Vorzeichenumkehr des APPD-Programms von einst, aber Männer und Passivität, das war ja immer schon ein Problem … aber der will ja auch Avantgarde sein und käut doch nur wieder.
Genau dagegen kämpfte die letzte grosse Avantgarde-Bewegung, die Pariser Situationisten rund um Guy Debord: nachdem Sade alle sexuellen Tabus gebrochen und Nietzsche alle Götter zertrümmert hatte, nachdem die Dadaisten die Sprache des Bürgertums in lallenden Leerlauf aufgelöst und die Surrealisten mit paranoiden «Schizo-Texten» dem Bürger auf offener Strasse den Revolver an die Schläfe gesetzt hatten — in dieser Situation kann der Künstler laut Debord nur noch eins machen: totaler Produktionsstopp. Kreationsstreik. Kein Werk mehr, nirgends!
Denn jedes Werk wird vom Kapital vereinnahmt, Sade als Klassiker in Schweinsleder gebunden, das dadaistische Manifest in einer Museumsvitrine eingesargt — da kann der Künstler nur noch: monströse Werke schaffen, unlesbare Wälzer. Oder, wie Debord, unkonsumierbare Filme, bei denen die Leinwand stundenlang nur schwarz flimmert.
1967 analysiert Debord in «Die Gesellschaft des Spektakels», wie die Politik in Personality-Show und der Protest als Pseudo-Revolte am TV verflimmert und statt die Schleusen der Fantasie höchstens die Kanäle des Konsums öffnet. Tragische Ironie: Dieses Jahr hat der französische Staat das Manuskript für über eine Million Euro gekauft.“
Da hat, mal immanent gedacht, die Alki-WG hier gegenüber größere Erfolge vorzuweisen: Was die machen, das wird keine Regierung je kaufen, lediglich gut dran verdienen durch Besteuerung des Rauschmittels (gestern wieder „Augustiner Edelstoff“ getrunken: Lecker!)
Insofern gilt wohl eher, die Aprésgarde mal umzudeuten. Werdet nutzlos!
Insofern ist das Einschmuggeln des Rochierens als Akt des eitelstmöglichen Sich-Eingliederns bei gleichzeitiger Suggestion der Widerständigkeit im verlinkten Text wohl exaktes Gegenteil dessen, worauf die Aprésgarde sich stützen sollte, aber affirmativ kann sie gar nicht sein, vorlaufend zum Tode, wie ein jeder ist.
Also werde Kontemplation – Aufmerksamkeit, Zuhören, Emphatie, Hingabe, Wahrnhemung um ihrer selbst willen, all diese passiven Tugenden gehören der Produktion um die Ohren gehauen zu werden. Es werde Du! Und wie so oft landet man um die Ecke doch wieder bei Habermas …
Werdet nutzlos! Ich fang mal gleich morgen damit an, liebe Kunden, nehmt euch in acht
…
Drive on
Dabei habe ich mir doch schon 1989 selbst denFührerschein entzogen wegen kompletter Unfähigkeit, trotzdem – habe ich hier schon mal von The Walkmen geschwärmt? Toll! Überragend!
Fundstück Sartrien
„Da ist die antidemokratische, antisozialistische PRL, die aus ehemaligen Faschisten, ehemaligen Kollaborationisten, ehemaligen Mitgliedern der PSF besteht. Sie nennt sich jedoch „Parti Républicain de la Liberté“ (Republikanische Partei der Freiheit). Wenn man gegen sie ist, ist man also gegen die Freiheit.
(…)
Schon 1760 verteidigten amerikanische Siedler die Sklaverei im Namen der Freiheit: wenn der Siedler als Staatsbürger und Pionier einen „Neger“ kaufen will, ist er dann nicht frei? Und wenn er ihn gekauft hat, ist er dann nicht frei, sich seiner zu bedienen? Das Argument ist geblieben.“
Jean-Paul Sartre, Was ist Literatur?, Reinbek bei Hamburg 2006 (Erstveröffentlichung 1948 in Frankreich), S. 215 – 216 Fussnote
Hegels Einwände gegen die Kantische Moralphilosophie
Ach, schön!
Weiter unten hat sich eine spannende Diskussion, Danke, Che, KL und Nörgler, hinsichtlich der Kant-Kritik Hegels entwickelt, die implizit sehr tief ins Zentrum vieler der hier im Blog diskutierten Themen weist.
Auch und insbesondere im Bezug auf die Kritische Theorie, bewegt diese sich doch oft in einem Kritik-Dreieck Kant-Hegel-Marx, wobei man dann Kant wegen Hegel nicht einfach so vertreten konnte, Hegel wegen Marx auch nicht, aber Marx im Grunde genommen nun auch wieder nicht ganz ungebrochen, weil dessen Kritik der Produktionsverhältnisse eine Kant-Kritik vorzuschalten sei, die dessen Erkenntnistheorie fortsetze, indem sie sie dialektisch ins Negative kehrt, und ob man diese Erkenntnistheorie nun Erkenntnistheorie nennt oder auch nicht, das ist auch schnurz.
Doch auch über diesen spezifischen Diskussionszusammenhang hinaus ist in vielen politischen und gegenwartsdiagnostischen Diskussionen die Kant-Kritik von Relevanz: Bei allen Fragen, die rund um die Vernunftkritik die Ära der Postmoderne in Atem hielten, auch in der feministischen Kritik formaler Rechtskonzepte, im „Kulturalismus“ der Islamophoben ebenso wie bei dem Versuch, gegen ein Diktat der reglementierenden Vernünftigkeit dem Leben Raum zu verschaffen. Letzteres ist nicht unbedingt in Hegel schon angelegt, kann aber aus dessen Argumenten abgeleitet werden, denke ich.
Aus praktischen Gründen, eben jenen der neigungsgesättigten Faulheit, zitiere ich pointierende Passagen aus Habermas’ „Treffen Hegels Einwände gegen Kant auch auf die Diskursethik zu?“:
„1.) Hegels Einwand gegen den FORMALISMUS der Kantischen Ethik: Weil der Kategorische Imperativ verlangt, von allen besonderen Inhalten der Handlungsmaximen und der Pflichten zu abstrahieren, muß die Anwendung des Moralprinzips zu tautologischen Urteilen führen.
2.) Hegels Einwand gegen den ABSTRAKTEN UNIVERSALISMUS der kantischen Ethik: Weil der Kategorische Imperativ verlangt, das Allgemeine vom Besonderen zu trennen, müssen die nach diesem Prinzip gültigen Urteile für die besondere Natur und den Kontext des jeweils lösungsbedürftigen Problems unempfindlich und dem Einzelfall äußerlich bleiben.
3.) Hegels Einwand gegen die OHNMACHT DES BLOSSEN SOLLENS: Weil der Kategorische Imperativ verlangt, das Sollen vom Sein streng zu trennen, muß dieses Moralprinzip jede Auskunft darüber schuldig bleiben, wie moralische Einsichten in die Praxis umgesetzt werden können.
4.) Hegels Einwand gegen den Terrorismus der REINEN GESINNUNG: Weil der Kategorische Imperativ die reinen Forderungen der praktischen Vernunft vom Bildungsprozeß des Geistes und von dessen geschichtlichen Konkretionen abtrennt, legt er den Anwälten der moralischen Weltanschauung eine Politik nahe, die sich die Verwirklichung zum Ziel setzt und um höherer Zwecke willen unmoralische Handlungen billigend in Kauf nimmt.“
Jürgen Habermas, Treffen Hegels Einwände gegen Kant auf die Diskursethik zu, in ders., Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt/M. 1991, S. 7 – 9
Zum letzteren Vorwurf (und auch zu den anderen, ist mir aber zu viel zu tippen) ist auch die Fussnote interessant:
„Hegel widmet dem jakobinischen Gesinnungsterror ein berühmtes Kapitel unter dem Titel „Die Tugend un der Weltlauf“, in dem er zeigt, wie die Moral zum Mittel wird, um „durch Aufopferung der Individualität das Gute zur Wirklichkeit zu bringen“ (Hegel, Werke, Bd. 2, S. 289)
Zur Erinnerung noch einmal eine der Formulierungen des Kategorischen Imperativs:
„Handle nur durch diejenige Maxime, durch die zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.
Zu betonen sei, dass es sich hier NICHT um eine Reformulierung der „Goldenen Regel“ handelt „Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Diskussion eröffnet.
Antidemokratisches Denken in der Bundesrepublik. Heute: Ulrich Greiner
Hallelujah! Texte wie dieser Ulrich Greiners treiben mir tatsächlich die Tränen des Verzweifelten in die Augen, geben sie sich doch schon grundbegrifflich einem schwer erträglichem Irrsinn hin, schlechter Literatur halt, die die Austreibung der Vernunft aus den Worten ins Exil bedeutet.
Am drastischten in folgender Passage; einer, der großkotzig Hegel referiert, sollte sich der Differnez zwischen Moralität und Sittlichkeit wohl dergestalt bewusst sein, dass ihm nicht einfällt, im Staate „Tugenden“ wirken zu sehen:
Als sei es nicht die irrevidierbare Leistung Kants gewesen, Fragen der Tugenden von jenen zu lösen, die Gerechtigkeit fundieren – es war dies sein entscheidender Schritt über Güter- und Tugendethiken aristotelischer Prägung hinaus. Klar, Hegel hat das anschließend kritisiert und da eine gewichtige Gefolgschaft hinter sich versammelt, Leute wie Arnold Gehlen und Denker wie die US-Kommunitaristen.
Das Schlimme jedoch ist, dass das Niveau genau dieser Diskussionen zugunsten erbärmlicher Psychologismen aktuell wieder abgeräumt wird. Pseudo-Emphatie in den schlecht imitierten Worten der Kritik der „verwalteten Welt“ ist selten weniger treffsicher kaum gewesen als im Falle Ulrich Greiners: Tugenden als Haltungen und Dispositionen von Personen können freilich in staatlicher Form nicht in Erscheinung treten, weil Justitia eben blind ist und sein muss, ist Tugenden doch wesenhaft die Differenz zum RECHT.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist ja nicht die Formulierung einer Tugend, sie tritt als Massgabe staatlicher Rechtsetzung nicht zufällig im Grundrechtekatalog auf. Tugenden können mit Rechten korrespondieren, sie sind aber keine. Und der Staat ist auch nicht für zwischenmenschliche Wärme zuständig, sondern dafür, dass keiner verhungert, weil Staat dem Volk nicht äußerlich ist. Faktisch ist er das nicht, und da, wo er so tut, als sei er es, gehört er mal kräftig in die Grenzen gewiesen, anstatt nun in Pennälerlyrik zu verfallen und wie ich mit 15 in der Schule pathetisch die „Aktenberge“ zu beklagen.
Anerkennung kann im Kontext dieser Diskussion nur jene der Rechte sein, nicht der Persönlichkeit eines jeden, der durch die Arbeitsagentur stiefelt. Weil alles andere zwar wünschenswert sein mag, jedoch nur der Willkür nur obläge.
Und genau dieser wird Raum verschafft, wenn Widersprüche gegen Amtsentscheidungen keine aufschiebende Wirkung mehr haben: Genau davor soll das Recht ja eigentlich schützen, nicht dies ermöglichen, die Missachtung des Einzelnen durch Sachbearbeiteranerkennungsentzug, und das genau das nun geltendes Recht ist, eben diese Willkür, macht dessen aktuelle, teilweise Illegitimität aus.
Es ist schon sehr satt, sich nun als Herr Greiner vorzustellen, wie Leute, die lediglich ihre Miete und ihr Essen bezahlen wollen, anerkennungsheischend durch Ämter laufen.
Auch nicht klüger die folgende Passage:
Nun haben auch Mitleidsethiken eine große Tradition, nur dass Herr Greiner keinen Versuch unternimmt, Schopenhauers Kant-Kritik auch zu begreifen: Hier werden Fragen nach der Motivation zur Moral und moralische Motivation mal eben so hochtransponiert auf gesellschaftliche Prozesse, utilitaristisch gewürzt, und so getan, als hätte das was mit der Sozialstaatsfrage zu tun.
Das hat es allenfalls indirekt, nämlich hinsichtlich der politischen Frage, wie man von dessen Erhalt überzeugt, aber was hat da „Respekt als knappes Gut“ oder gar „Großherzigkeit“ verloren? Wieder nur Psychologisieren, wo eigentlich Argumente gefordert wären.
Bereits das Kombinieren von „Hammelkeule“ und „brennenden Autos“ im Einstieg des Textes: Folkloristische Klischees mit neuen, sozialen Praxen mischen, das ist das Ressentiment als Text und nur ein Beleg für die Bilderarmut des Denkens im Deutschland des Jahres 2009. Keiner ist bilderärmer als der dort Verteidigte: Diese ganze sprachlichen Putten und all das Goldornament des Sloterdijk ist ja für nichts anderes als ein Beleg für die Geschwätzigkeit der mangelnden Rationalität, die jeder Bilderfindung vorgängig sein sollte. Die sollten alle mal wieder William Faulkner lesen.
Das könnte Weltbilder, die auf die Wiederkehr feudaler Strukturen setzen, allerdings erschüttern, schildert Faulkner diese doch so treffsicher.
Das ist schön Zynismus, aber wenigstens ehrlich: Seid arm in Würde, schreibt der Herr Greiner! Noch die Propaganda „blühender Landschaften“ zu Zeiten der „Wieder“-Vereinigung erfährt so ihre Verwüstung. Hat doch auch das Christentum gesagt, seid arm in Würde, so Greiner, und wer von Pflichten spricht, erstickt nur „humanitäre Impulse“. Ein Tatbestand wie „unterlassene Hilfeleistung“ kommt in diesem Emotionskarússel gleich mit unter die Räder.
Und Demokratie als Praxis der Partizipation und des Austarierens von Interessen derer, die da wählen, das wird gar nicht mehr begriffen. Das ist das Erbe des Bedeutungswandels „politischer Führung“ von Willy Brandt zu Gerhard Schröder, jener vom „Mehr Demokratie wagen!“ hin zur Basta-Politik des Führers, der seine Agenda 2010 verkündet und mit ihr zugrunde geht, zum Glück.
Aber fast meint man die Sehnsucht nach dem Ermächtigungsgesetz da durchzuspüren, das endlich dazu führen möge, dass dieser sich wie die Karnickel fickende und durch die Staatskasse fressende Pöbel mit all den Kopftuchmädels im Schlepptau (lauter kleine Trümmerfrauen
) am besten nicht mehr wählen können solle, so weit er es denn schon darf. Um so offenkundig Schwarzgelb den ganzen neoliberalen Mist zu ermöglichen, den ein Westerwelle gerne durchziehen würde, was Merkel sich jedoch nicht traut: Hat man ja am Niedergang der SPD und dem Aufstieg der Linken gesehen, was dabei raus kommt, nimmt man ernst, was Hundt und Greiner und Sarrazin und Sloterdijk neofeudalistisch beschwören.
Der Zorn darauf sitzt wohl tief, dass statt dem Weitertreiben des Umverteilens von unten nach oben nun zunächst nur Kopftuchprämien, ‘tschuldigung, Kopfprämien der Republik die Gleichheit (hä?) austreiben sollen, beeindruckt von dem Niedergang der SPD – also lieber gleich so richtig ran die Grundlagen der Demokratie.
Und die ist nun mal vor allem anderen an das freie und gleiche Wahlrecht als Spezialfall jenes Gleichheitsgedankens geknüpft, der hier nun zur Disposition gestellt wird.
Und es gab ja gute Gründe für jene, die davon profitierten, einst für das Dreiklassenwahlrecht zu votieren, dessen Geist in Greiner wiedergängerisch fort lebt, und es Frauen gleich ganz zu vorzuenthalten; trugen diese ja auch nur zum Gebären, zur Aufzucht und zum Putzen bei und „leisteten“ nicht im Mehrwert erzeugenden Sinne. Deshalb hatte ja auch noch Mann das Scheckbuch und gab ganz gönnerhaft der Gattin das Geld für hübschen Schmuck. So hätten sie’s wohl gerne wieder gesamtgesellschaftlich, und dann folgen Phrasen wie die folgenden:
Soso. Selige Kinderaugen unter dem Weihnachtsbaum. Ach, war das schön, als wir noch Care-Pakete an die Ost-Verwandten schicken konnten! Als „Brot für die Welt“ noch nicht angegriffen war durch die Aufarbeitung des Kolonialismus: Wie süß sie doch waren, diese großen Augen in den von Fliegen besetzten Gesichtern der schwarzen Kinder. Aber wehe, wenn die groß wurden …
Ist übrigens längst Wirklichkeit, das, was in Greiners Utopie nunmehr als Maßstab gilt: Die Kleiderkammern der Kirchen, das sehr beeindruckende System der „Tafeln“, auch Frau Leuthäusser-Schnarrenberger durfte neulich, vom SWR initiiert, ein Praktikum in einer Frühstücksstation für Hartz IV-Kinder in Jenfeld Praktikum machen.
Es gibt ja Leute, die sich im Gegensatz zu Herrn Greiner da tatsächlich aufopfern. Und es ist widerlich, wie er diese instrumentalisiert.
Dass Demokratie jedoch mit einem System der RECHTE notwendig korrepondieren muss, die sich aus dem Verfahren notwendig ergeben, das ist ein Gedanke, der in greisen Hirnen längst obsolet geworden scheint. Da hat das Nagen als der Schäubles, Schilys, Schröders ganze Arbeit geleistet, ganz wie die stumpfen Diagnosen der Friedman-Schüler aus dem illiberalen Lager, die lieber Gebote auslegen als politische Praxis zu denken, bei der gilt:“Jeder, der mit macht, wird gefragt!“.
Mit macht nicht etwa beim Steuer zahlen, sondern beim demokratischen Prozess als solchem. Es mag de facto so ein, dass Interessengrupen und reiche Einzelne den Staat fest im Griff haben, demokratisch ist das nicht, Partizipationsrechte am gesellschaftlichen Leben an Beiträge zu koppeln.
Man kann Demokratie gar nicht mehr begründen, folgt man Greiners Gleichheitskritik, aber genau darum geht es wohl. Diesem permanenten Knabbern der Säulen, auf denen ein demokratischer Rechtsstaat ruht, hat immer ein „Ja, frag sie doch!“ entgegen gehalten zu werden. Nicht Herr Greiner hat an seinem Schreibtisch Begründungen zu verfassen, welche Erfahrung jener machen müsste, der von Almosen abhängt, nee, berichten kann nur, wer sie tatsächlich empfängt. Aber die fragt ja keiner mehr.
Rechte sind weder naturrechtlich noch per Feuilleton-Verfügung zu erteilen oder auch nicht, sie ergeben sich aus den Voraussetzungen des Zusammenlebens als solchem: Des Dialoges darüber, WIE man zusammen leben WILL. Symetrisch, reziprok und auf Augenhöhe, nicht auf Verordnung wirrer Dichter aus Karlsruhe hin. Deren Wort hätten dann auch nicht mehr Gewicht als das eines Obdachlosen. Wenn wir in einer wirklichen Demokratie leben würden.
„Nicht jeder ist erschüttert, wenn sein Auto abgefackelt wird, und da wir nie einen Zustand erreichen werden, in dem keine Autos abgefackelt werden, verzichten wir doch darauf, es zu verbieten“ – da braucht man noch nicht mal über die Abwrackprämie zu witzeln: So argumentiert strukturell Herr Greiner im verlinkten Text.
Die normative Kraft des Faktischen? Super! Besser kann man die politische Moderne nicht einstampfen. Da er implizit, wie bei Rechtsliberalen üblich, die ganze Zeit Menschenrechte mit dem Argument des Eigentumsschutzes einrammt, gilt für diesen natürlich das gleiche, ist ja klar. Auch der ist ohne den Gleichheitsgedanken nicht zu haben, oder gibt es Gründe, das Eigentum der einen mehr zu schützen als jenes der anderen?
Gründlicher ist lange keine Rechtsbegründung mehr abgeräumt worden im deutschen Feuilleton. Und der merkt das wahrscheinlich noch nicht mal, vergiftet vom lyrischen Absinth Sloterdijks, was er da gerade schreibt.
Weist man eine Rechtsbegründung zurück, die Mindestmaßstäbe für die Partizipation eines Jeden am gesellschaftlichen Leben notwendig mit beinhaltet, das durch demokratische Prozesse sich erst konstituiert im besten Falle, so bleibt nur noch der „Ausnahmezustand“ eines Carl Schmitt, mit dem sich Notstandsgesetz und Widerstandsrecht gleichermaßen begründen lassen. Und das kann explosiv nur wirken.
Leistung muss sich wieder lohnen!
Wo menschliche Schwäche zum Makel wird, bestätigt gesellschaftliches Klima die Angst des Depressiven: Ein Versager zu sein, nicht ein Kranker, ein unwerter Mensch, nicht etwa einer mit individuellen Konflikten und Schwächen.
Man kann ja das gesellschaftlich gleichzeitig Produzierte und Unerwünschte immer ganz gut an den Ausschlusskriterien Privater Krankenkassen bei der Aufnahme neuer Kunden fest stellen: Stresssymptome wie Reflux oder Bluthochdruck – bleiben Sie mal in der AOK. Frauen zahlen a priori eh schon mal mehr, und wer zugibt, in psychotherapeutischer Behandlung gewesen zu sein, darf meines Wissens draußen bleiben: zu teuer.
Und dann blättert man, also ich, eher zufällig nach der Lektüre der FR in Jürgen Habermas’ Philosophisch-Politischen Profilen und stoße auf die folgenden Zeilen:
„Uns alles ist gegenwärtig, was Herbert Marcuse unablässig als die Übel unserer Zeit anklagte: den blinden Existenzkampf, die rücksichtslose Konkurrenz, die verschwendende Produktivität, die verlogene Unterdrückung, die falsche Männlichkeit, die Brutalität.“
Jürgen Habermas, Psychischer Thermidor und die Wiedergeburt einer rebellischen Subjektivität (1980), in ders., Philosophisch-Politische Profile, Frankfurt/M. 1991, S. 319
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