Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Was ist das Ziel in diesem Spiel … FC St. Pauli – Darmstadt 0:1

IMG_5714.JPG Es ist Dezember und der Regen dringt durch die Kleider auf die Haut … Wenn Stefan Groenveld schon alles geschrieben hat, was mir zum gestrigen Spiel auch einfiele: Was treibt mich da noch zum Senfen? Verarbeitung? Geltungsdrang? Gewohnheit? Ratlosigkeit? Oder nicht doch die Suche nach dem Besseren?

Der Kampf gegen dieses Gefühl der Teilnahmslosigkeit, das immer wieder neu aufkeimt und als Leere ja auch neue Wege weisen könnte?

Die Trauer darüber, Sprüche, in der Halbzeit allseits geteilt, “ansonsten lagen wir um diese Zeit schon immer 0:2 zurück”, noch nicht mal mehr als Trostpreis zu empfinden? Die Sinn- und Spielsuche des Trainers entgegen all den Forumsunken richtig und überzeugend zu finden und trotzdem diesen schalen Beigeschmack der Resignation zu schmecken bei all dem Kaffee aus Tassen, schlürfend im kalten Spätherbst, Wärme genießend, wie ein schleichendes Gift?

“Sie üben ja noch!” raune ich meiner Sitznachbarin zu, und die will gar nicht aufhören zu lachen. Weil es doch Profis seien. Die menschliche Dimension des Dramas finde ich ja sogar gut. Dass da keine hochgezüchteten Sportmaschinen ihren Stiefel runter spielen auf dem Platz, sondern offenkundig recht liebenswert empfindsame Männer.

Nur dass es nie an die Punkt gerät, den jeder, dem erst allmählich nach durchzechten Nächten wieder einfällt, zu welch Kuriositäten das eigene Verhalten enthemmt gar fähig ist, kennt, jener Moment, da dieser “Ist der Ruf erst runiert!”-Habitus auf- und sich in schallendem Gelächter die Bahn bricht. Dass nie diese Wut über eigene Blockaden aufkeimt, die das Trotzdem schillernd leuchten ließe.

Doch,

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“Schwarze Wissensproduktion als angeeignete Profilierungsressource” – Artikel von Noah Sow

Ich hatte den im folgenden dringendst zu verlinkenden und zur Lektüre empfohlenen Text von Noah Sow bereits mittels eines Veranstaltungshinweises hier im Blog wie auch in der FSK-Sendung “Tales of St. Pauli” beworben. Und gar nicht mit bekommen, dass er online bereits zu lesen ist – jetzt aber.

Er ist ungemein wichtig und eindeutig auch an mich adressiert; ich mühe mich, es mir fortwährend hinter die Löffel zu schreiben und lese den ab jetzt einmal im Monat und ebenfalls da, wo es mir möglich ist, PRAKTISCH zu berücksichtigen, worum es geht. Die Konsequenzen sind keineswegs nur auf den universitären Zusammenhang beschrankt.

Er ist wichtig auch in Zusammenhängen, wo sich Menschen z.B. in der Flüchtlingsarbeit engagieren, ebenso dort, wo harsche, narzißtisch gekränkte Reaktionen bei dem Verweis auf Marginalisierungserfahrungen und deren Potenzial erfolgen und dann zur Vertiefung auf irgendwelche vermeintlich objektivierenden Aufsätze zu deren Abwertung verwiesen wird.

Also: Lesen! Am besten mehrfach, nicht nur auszugsweise und ohne die üblichen Instant-Argumente zu zücken.

“Post[i]- und dekoloniale Studien verlangen insofern genaue und gesonderte Betrachtung, als dass sie unter anderem Lehre über autonomiebringende Schwarze Widerstandspraxen behandeln. Sofern sich weiße Lehrende innerhalb postkolonialer Studien überhaupt verorten (müssen), erfolgt dies regelmäßig in Form des klassischen Helfer_innenmythos von fortschrittlichen Heilsbringenden, die wichtige Inhalte vermitteln und ‘Unterdrückten’ [Menschen, Themen, Theorien] ‘endlich eine Stimme verschaffen’. Zu wenig findet Betrachtung, dass dabei Schwarze Stimmen überlagert, fremdkontextualisiert und überdeckt werden. Dem deutschen Mehrheitsbewusstsein ist noch nicht gegenwärtig, dass die Interpretationen, Analysen und Fragestellungen derer, die von den kolonialen Strukturen profitieren, kaum deckungsgleich sein können mit den Interpretationen, Analysen und Fragestellungen derer, die durch ebenjene Strukturen eingeschränkt werden. Originäre Schwarze Wissensvermittlung wiederum findet sich an der Universität überwiegend im akademischen Prekariat wieder.”

Und im Anschluss sei das folgende Interview mit Noah Sow auch anempfohlen: “Zwischenbilanz – 7 Jahre nach Deutschland Schwarz Weiß.”

Momo on the radio: Tales of St. Pauli – Neues aus den Metalustversum, FSK, Mo, 8.12. 2014, 14-16 h

Fast ein Jahr nun dabei beim FSK. Los ging es mit einer Sendung zu Lou Reed – und nun habe ich erneut herum gespielt, experimentiert und ein wenig geforscht. Wie neuerdings jedes Mal begleitete mich mein Nachbar, auf dem Hinterhof Saxophon übend, im Background. Und wie immer ist die Musik viel wichtiger als das, was ich vor mich hin quatsche. Und: Wie immer hier die Tracklist, die Literatur- und die Linkliste! Und ebenso wie immer kann das Ganze über die FSK-Homepage angehört werden ;) … der Stream findet sich oben rechts.

 

Donna Summer – On The Radio
Liza Minelli – Maybe this time
Teen Girl Fantasy – Dancing in Slow Motion
Alain Mion – Levallois
Billie Holiday – One for my Baby
Gibson Kente – Sudava
Habib Koité – I Ka Barra
Meshell Ndegeocello – Shopping for Jazz
B.Slade – Changes
James Carter – Motown Mash
John Coltrane – Slowtrane
Shaun J. Wright & Alinka Present Twirl – Love Inspired
Sylvester – I (who have nothing)
Was (Not Was) – Wheel me out
Material & Nona Hendrix – Bustin’ Out
Jean Carn – If you wanna go back
Heather Small – Proud
Curtis Mayfiled – Junkie Chase
Literatur:
- Deleuze, Gilles: Philosophie und Minderheit, in ders.: Kleine Schriften, Berlin 1980
- Diederichsen, Diedrich, Über Pop-Musik, Köln 2014
- Duiker, K. Sello, Die stille Gewalt der Träume, Heidelberg 2010
- Reynolds, Simon, Rip it up and start again, A-Höfen 2007
Links:

Das Für-Sich-Seiende ist nicht, was es ist, und ist, was es (noch) nicht ist! Vfl Bochum – FC St. Pauli 3:3

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Die Teilnahmslosigkeit: Verschwunden. Das Nervenflattern, die Schweißausbrüche, das Involviertsein als Zuschauender: Wieder da!

Die Mimik Peter Neururers durchlief mehrere Stufen der Geschichte der Existenzphilosophie angesichts des druckvollen Aufspielens der Boys in Brown. Sollte sein Schnäuzer weiter wachsen, muss er sich schon ein wenig in Acht nehmen, verschlägt es ihn eines Tages zufällig nach Turin und er trifft dort auf geschundene Pferde.

Ich weiß nicht, ob er auf der anschließenden Pressekonferenz “Das Sein west!” proklamierte oder vom Dasein bis zum Gegentor referierte. Trotz spätem Ausgleich für seine Mannschaft sah der Mann ja, dass Wille und Vorstellung zum Spiel unseres Teams übergegangen war. Denn Meggles Antwort, und fiel sie auch nur in Gedanken, lautete sichtlich : Engagement! Der Mensch erschafft sich selbst durch Handlung!

Und mich erfreute verblüfft tatsächlich, dass die interimsweise annähernd in schockiert-distanzierte Ansätze der erdrückenden Signifikantenregime der Resignation driftende Jungmännerhorde des weltweit unvergleichlichen FC St. Pauli sich nunmehr ganz dem Werden verschrub. Saftig den Mut enterte, okay, bei den Gegentoren auch Portiönchen des Übermuts sie ritt. Immer noch besser als unterbewusst neben der Spur und außen vor zu sein. So what somit: Mich damit nun zu identifizieren fiel mir zumindest gar nicht mehr schwer. Das Spiel aufgeladen mit Spannung, und selbst dem 4:3 für uns blieb der Möglichkeitsraum keineswegs mehr verschlossen. Auch wenn es dann nicht fiel.

Wer Möglichkeitsräume öffnet, klebt nicht mehr am Sein. Lässt tabellarische Platzzuweisungen als Zeitpunkt, nicht -spanne bald auch hinter sich im “Alles fließt!” der Zeit. Hebt im Zukünftigen die Dialektik von Offensive und Defensive im Erfassen des Megglens auf. Da bin ich mir sicher.

Die Form zu finden, die unsere Inhalte zu transportieren vermag, das kann ja nur essayistisch angegangen werden, soll sie passen zu dem, was an Bewegung auch auf den Rängen nötig ist. Um statt Musealisierung und Ready-Made das Mobilé purer Entdeckungsfreude beim FC St. Pauli wieder in Schwung zu bringen. So ziehen sie uns mit.

Was ist überhaupt eine “Identifkationsfigur”

“Fehlt bei St. Pauli eine Identifikationsfigur wie Fabian Boll, ein Typ, der die Mannschaft mitreißen kann?

Dreyer: Ja, in jedem Fall. Boller klar, der würde der Mannschaft guttun. Aber einen Boller kannst du dir nicht aus den Rippen schneiden. Ich glaube übrigens, dass das Abschiedsspiel für Boller der Mannschaft geschadet hat. Plötzlich war das Stadion gegen sie und hat die “Alten” angefeuert. Und dann haben sie auch noch 1:5 verloren. Ich glaube, mit der Situation konnten einige nicht umgehen, Das hat sie verunsichert, und das schleppen sie immer noch mit.”

Das könnte wahr sein. Das könnte sogar das Problem sein. Auch die vom Magischen FC beklagen das Fehlen einer solchen “Figur”.

Es ergab sich neulich analog bei Facebook eine kuriose, aber spannende Diskussion rund um die Idole vergangener, vielleicht auch noch aktueller schwuler Subkulturen.

Noch in meiner Generation waren das sehr wenige, und Rosa von Praunheim bot nun zumindest für mich wenig Möglichkeiten, mich da zu identifizieren. Dann schon eher John Waters oder Marc Almond. Die Generation davor hatte kaum Angebote, außer Zeichen zu deuten – Anspielungen im Subtext und der Ikonographie zu Zeiten der Illegalität homosexueller Praktiken.

Pasolini lud noch am ehesten ein, “Teorama” zum Beispiel.

Man begab sich auf Spurensuche und suchte in der Historie, Mehr von diesem Beitrag lesen

Theorie ist nicht Praxis und Macht wirkt in den Beziehungen: Noch mal was zu den “Sprecherpositionen”

Endlich mal eine Kritik der Theorie der Sprecherpositionen, jüngst auch rund um dieses Blog wieder kontrovers diskutiert, mit der es sich auseinanderzusetzen lohnt. Lesen, ich zitiere extra nicht, um die Lektüre des Textes dort Lesenden, nicht hier Ausschnitte Rezipierenden, zum empfehlen.

Und da fangen die Problem schon an: Habe nun ich Texte in einem feministischen Blog zu kommentieren? Was MACHE ich denn, wenn ich das tue?

Ich nehme zunächst mal in Anspruch, irgendetwas besser zu wissen als das verlinkte Blog. Automatisch. Ohne dabei ausklammern zu können, was das in der sich konstituierenden Intersubjektivität heißt. Und das auch noch als jemand, der doch zunächst von feministischen Perspektiven viel lernen kann, der viel mehr feministische Studien überall immens wichtig fände und wünschte, dass sie Gehör fänden und ungestört Wirkung entfalten könnten. Und der vor allem die omnipräsente maskulistische Maulstopferei, die sich auch Mehr von diesem Beitrag lesen

Wie wird es, ein St. Paulianer zu sein? FC St. Pauli : Kaiserslautern – ach, das Ergebnis ist doch egal.

Okay, okay, okay. Nein, ich habe nichts zurück zu nehmen.

Das ist mein Ernst ;) … mögen auch die Zahlen meines Traffics hier in letzter Zeit besser gewesen sein als die Ergebnisse der Mannschaft, nun auch wieder heute gegen die Region: Das heißt ja nichts. Weil heute alles anders war. Besser. Viel besser. Und vielleicht sogar der Auftakt zu einer richtig guten Zukunft.

Weil Zahlen nicht wirklich etwas besagen. “Die Tabelle lügt nicht!”

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Erläuterungen zum offenen Brief an die Mannschaft

Der letzte Blog-Eintrag “Liebe Mannschaft des FC St. Pauli …” ist in der Geschichte dieses Blogs der mit Abstand meistgelesene. Das war tatsächlich zu meiner Überraschung mein persönlicher Besucherrekord. Und wurde nun auch noch im Abendblatt zitiert.

Ich habe damit, wie man so sagt, wohl “einen Nerv” getroffen, sehr viel Zustimmung, Unterstützung und Beifall gefunden. Dafür einen ganz herzlichen Dank! Es hat allerdings auch derart drastische Gegenreaktionen gegeben, dass ich mich davon noch erhole. Weil die Attacken an einem Punkt ansetzen, der mir so neu nun auch nicht ist in der “aktiven Fanszene”, was auf Dauer zermürbt.

Es wurde nun schon zu mehr Liebe statt wechselseitigem Zerfleischen aufgerufen, völlig richtig und Danke! – ich will versuchen, die kritisierten Punkte, die ich weiterhin für sachlich gerechtfertigt erachte, nun noch einmal aufzugreifen in einem eigenen Eintrag. Der wird jetzt sehr lang, sehr ausführlich, sehr anstrengend und ich kenne viele, die den Text sehr viel besser schreiben könnten als ich. Die kann mensch allesamt ganz simpel googeln ;) … wie Rezepte für Hähnchen im Wok ja auch. Und über Anmerkungen, Korrekturen und Ergänzungen freue ich mich sehr.

Freilich werde ich die Punkte nicht erläutern, um sie im Sinne des “Absolutismus” eines Blogs mit normalerweise eher geringer Reichweite nun allseits zu verordnen.

Wenn nicht stpauli.nu mich verlinkt, ist dieses Blog, von einem vereinzelten, schwulen St. Pauli-Fan betrieben, keine mit besonderer Machtfülle ausgestattete, gesellschaftliche Position. Da ich nun selbst regelmäßig ganz schön zulange, kann und muss ich mit Antworten und Kritik auch gut leben. Manche setzen allerdings auf Ebenen an, dass es schwerer fällt. Die aktivieren das, was ich schon auf dem Schulhof fürchtete und was sehr schnell geschieht, kratzt mensch an mehrheitsgesellschaftlichen Selbstverständnissen.

Auf die sachlich manche Lesende irritierenden, manche auch zu harschen Reaktionen animierenden Passagen sei nun noch mal erläuternd eingegangen für die Interessierten, Mehr von diesem Beitrag lesen

Liebe Mannschaft des FC St. Pauli …

… ich schreibe jetzt einen echten Scheiß-Text und lasse mich dafür auch öffentlich beschimpfen.

Ich habe mir das Spiel heute in Leipzig nämlich noch nicht einmal angeguckt. Wegen euch.

Ich vermute, dass euch das scheißegal ist. Weil ich nicht glaube, dass ihr im Gegensatz zu anderen Spielern zuvor unsere Blogs lest. Na, zwei, drei, vier von euch vielleicht, eben jene, die auch in Jugendmannschaften schon hier gespielt haben und mit dem Umfeld auch jenseits folkloristischer Mitgröhl- und Kochveranstaltungen wie “Ein Kessel Braun-Weißes” zu verstehen suchten, was die Seele dieses Vereins bewegte.

Ich liebe den FC St. Pauli über alles, er begleitet mich seit über 14 Jahren. Ich habe Rumpelfüße bei uns brillieren, technisch limitierte Spieler ganz und gar st. paulianisch los dreschen sehen, sie waren erfolgreich, und bin grummelnd nach Niederlagen mit “Ich lieb sie doch!” eingeschlafen. Wir haben “Aufwachen!”-Chöre angestimmt,  “Scheiß St. Pauli” angesichts von Slapstick-Fussballt gebrüllt und Versagen TROTZDEM liebenswert gefunden. Ich bin nun auch schon drei Mal mit diesem Verein abgestiegen, und die Bindung zu denen auf dem Platz war immer da. Aber so was – nee.

Was ihr jetzt so treibt, das geht mir langsam echt auf die Nerven.

Man rekonstruiert sich als Zuschauer ja allerhand zusammen

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“Der Skandal darin ist die Kriminalisierung einer „anderen“, nicht normativen Lebensweise”

Lamentiert der Hamburger Senat von “Bund!” und “Europa!”, so können Wähler, Nicht-Wähler und Nicht-Wählen-Dürfende sicher sein: Er will sich aus der Verantwortung stehlen.

Das war schon in der Flüchtlingsfrage so. Innensenator Neumann als Politikwissenschaftler parliert zwar gerne abstrakt über die Gewaltenteilung; dass es mutmaßlich eher ihm liegt, sich Eigeninteressen der Polizei zu unterwerfen, ließ sich an diversen Indizien bereits ablesen. Was die Gewaltenteilung ad absudum führte, regierte die Polizei als Partei.

Im Falle der Bespitzelung des FSK übt sich die Scholz-Regierung nun wieder im Arschkartenspiel, wie “Jetzt!” berichtet: Sie will der Bundesanwaltschaft alles in die Schuhe schieben und behauptet, ab einem gewissen Zeitpunkt über keine Unterlagen zu verfügen.

Das ist aus meiner Perspektive der Plot einer Gaunerkomödie, und der Sprecher des Bundesanwaltes kommentiert es folgendermaßen:

„Die polizeiliche Umsetzung des Einsatzes im Einzelnen und die dafür erforderlichen polizeitaktischen Überlegungen erfolgen durch die von der ermittlungsführenden Staatsanwaltschaft beauftragte Polizeidienststelle.”

Beim Knackpunkt, nämlich eines für den juristischen Laien zumindest so wirkenden Eingriffes in die Pressefreiheit, weicht der Senat aus. Artikel 5 des Grundgesetzes besagt ausschnittsweise:

“Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.”

Ohne Jurist zu sein, fällt es ja nicht schwer, das im Geiste mal durchzuspielen: Eine verdeckte Ermittlerin spricht Tagesschau-Kommentare zum NSUKomplex. Oder referiert zu umstrittenen Polizeieinsätzen bei Demonstrationen auf NDR 2.

Ein ganzer Sender erfährt die Aushebelung individueller Rechte auf Privatsphäre.

Rechtsgüter wie die Unverletztlichkeit der Wohnung mögen in Jahren währenden Propagandaschlachten denen, die wohnen, entwöhnt worden sein: Sie gelten aber weiterhin. Eine verdeckte Ermittlerin attackiert den Quellenschutz, indem sie selbst diese anzapft. Dem Vorstellungsvermögen aller Lesenden, was alleine das Säen von Misstrauen durch diesen Fall anrichtet, sind ja da keine Grenzen gesetzt.

Zudem immer wieder die Frage auftaucht: Warum wurde gerade die queerfeministische Szene ausspioniert? Und das auch noch zu Zeiten, da der NSU mutmaßlich vom Verfassungsschutz  wie auch immer unterstützt sein Mordwesen trieb und Fälle in Hamburg unaufgeklärt blieben?

Nun mag von der Katholischen Kirche bis zum immer breiter werdenden, rechten Rand von Pirincci bis Martenstein das vermeintliche “Zersetzungswerk” der Gender-TheoretikerInnen symbolische und wohl auch tatsächliche Gewalt befeuern, aber was hatte da die Polizei zu suchen?

Da steigen Bilder unseliger, Hamburger Polizeipraktiken von einst vor dem geistigen Auge auf:

Die Summe dieser Akten könnte als Liste bezeichnet werden“, so damals Henning Voscherau (SPD, Vorsitzender des Innenausschusses der Hamburger Bürgerschaft).”

Es geht um “Rosa Listen”, also das Anlegen von Datenbanken über queere Szenen. Auch da verfügt die Hamburger SPD über eine reichhaltige Tradition: Innensenator Schmidt ließ unter anderem das “Tanzverbot zwischen Männern” in der Hamburger Neustadt durchsetzen – also das, was heute ggf. der Mob oder der Hessische Rundfunk in Hetero-Kneipen ganz von selber immer mal wieder besorgt. Auf dem Polizeipräsidium wehte zwar zum CSD die Regenbogenflagge: Doch was für eine Wirklichkeit verbirgt sich dahinter?

“Das FSK” – de facto ja ein freier und vielfältiger Haufen Menschen, die eigenständig Programme gestalten, von der Queer AG (“Jenseits der Geschlechtergrenzen”) der Uni Hamburg über Doktorantenkollegs der HfbK bis hin zu mir ;) – kommentiert folgendermaßen:

“Mit diesem Polizeiangriff werden alle Grundsätze der Pressefreiheit – erneut in Hamburg – zur Disposition gestellt: Polizei moderiert ihre eigenen Sendungen, sie spioniert Lebensverhältnisse und Arbeitsweisen der Redaktionen aus; sie kontrolliert die Recherche und sie bespitzelt die Quellen. Der Quellenschutz war ausgehebelt. In letzter Instanz kann diese Polizeiaktion verstanden werden als besondere Form des Einsatzes polizeilicher-staatlicher Gewalt zur Unterdrückung politischer Meinungsäußerung.”

Eben weil hier nun per administrativ-hoheitlichem Handeln die politische Meinungsäußerung unter Kriminalitätsverdacht gestellt wurde. Das wirkt für mutmaßliche Produzenten von Sendungen abschreckend wie auch die vom Verfassungsgericht als rechtswidrig eingestufte Durchsuchung des Senders zu Beginn der Nuller-Jahre.

Das ist also Senatspolitik, Menschen Bedrohungsszenarien auszusetzen, damit kritisch Stimmen verstummen?

Verdeckte Ermittler abends neben sich einer in der Kneipe sitzen zu haben ist ja keine angenehme Vorstellung, weil keiner weiß, was die einem anzudichten bereit sind … dass in Hamburg Polizisten behaupten können, um eigene Handlungen zu rechtfertigen, was sie wollen, die Gerichte winken es schon durch, ist ja auch vielerorts geteilte Annahme. Ist die dem Senat letztlich recht?

Das passt auch zu dem fortgesetzten, vielleicht nicht intendierten, jedoch faktischen weiteren Einschüchterungsversuch des Senates, die Aufklärung des Falles würde den Staat als solchen gefährden.

Heißt das im Umkehrschluss, nur potenziell rechtwidriges Verhalten könne ihn stützen?

Zusammenfassend und abschließend ist dem Text auf der FSK-Seite schlicht zuzustimmen angesichts des bisherigen Unwillens – so scheint es mir – des Senates, rechtsstaatliche Grundsätze ernst zu nehmen und Licht in die Angelegenheit zu bringen:

Der Skandal darin ist die Kriminalisierung einer „anderen“, nicht normativen Lebensweise.

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