Die alte, neue Unübersichtlichkeit? Wie soll Kritik sein?
Ist das so?
Nach Paris durchbrennen
Verstehe zumindest nicht, wie man das Lobpreisen und als „Treffsicherheit“ begreifen kann, dass einfach jene Erzählstrukturen adaptiert werden, die sich am besten verkaufen. Dass die Welt ja ach so kompliziert ist ist doch ein billiger Allgemeinplatz, seitdem es Denken gibt. Und die Diagnose, dass man gerne klare Feindbilder hätte, die ist auch nicht sonderlich originell. Macht da der Kritiker nicht genau das, was er am Text Hornbys bemerkenswert findet, und kann das die Rolle von Kritik sein, strukturell zu adaptieren, was der Text vorgibt?
Bei all den Adorno-Debatten hier und anderswo fragt man sich ja vor allem das: Was ist Kritik, wie soll sie sein und wie kann man sie so formulieren, dass sie Maßstäbe entwickelt, die über das Sujet hinaus weisen? Ist ein wenig die Gegenfrage zur immanenten Kritik, die so ja auch gerade NICHT so funktioniert, dass sie ein „Ja!“ zur Kuscheligkeit des Gegenstandes beschwört, sondern dass sie innere Widersprüche aufspürt und ggf. dekonstruiert.
Diese verlinkte Absage an die großen Kämpfe und Schlachten, die einst das Kritiker-Genre belebten, die ja fast die Marquardtsche Kompensationsthese beschwört, ist es nun das, wohin man schreiben sollte?
Die alte Frage nach Kritik und Affirmation im Lichte des nur negativ formulierbaren Glücksversprechens gehört wieder auf die Tagesordnung. Den Verschnarchten kann man das Feld nicht überlassen dürfen.
Pop war immer das Medium einer Gegenwartsdiagnose, aber doch bitte nicht so. Um so erstaunlicher, wie der Kritiker dann seine Plattensammlung ins Feld führt: Kruder & Dorffmeister, Benjamin Biolay, Air, sorry: Selbst in Mando Diao oder Gossip steckt doch noch das Nervöse, das Lebenslust in jene Formen zwängt, die es zu sprengen vermag, und auch Amy Winehouses „Back to Black“ ist selbst dann ein Kampfruf, wenn Chefsekretäre dazu tanzen – und wie krude ist eigentlich, gar nicht auf die Wucht eines Little Richard oder Otis Redding einzugehen, sondern die Einfachheit des „Feindbildes“ hervorzuheben? Da wurde was missverstanden.
Ist oft mir aufgefallen in den letzten Jahren, auch, wenn eigene Produkte kritisiert sich fanden: Die aktuell werkelnde Kritiker-Generation sucht immer nur das, was sie schon kennt. Begehe Kommerz-Kritik: Sie werden Dich feiern. Behandele Velvet Underground: Sie werden erwiedern, was sie darüber wissen, völlig unabhängig von dem, was sie zu kritisieren vorgeben. Interviewe Musiker, und sie werden schreiben, dass sie selbst schlauer sind als diese – ja, Herr Hoff. Selbstreferentieller Mist.
Und dann denkt man wehmütig an die Zeiten zurück, da Clara Drechsler in der SPEX über Slayer schrub, und klar wird: Es gibt ein Jenseits der Nostalgie, vor dem der Autor der Süddeutschen wohl gerade schützen will – sich selbst.
Ist Andrian Kreye nicht einer von diesen TEMPO-Würstche, die genau das eingeleitet haben, was hier sie toll finden, die durch Clara Drechsler-Missverstehen genau jene glatte kulturelle Wüste der aktuell eklen Behaglichkeit in Selbstreferentialität, Amen, vorbereiten halfen? Vielleicht war’s auch „Prinz“. Irgendsowas halt.
Wie sang Konstantin Wecker, ja!, Konstantin Wecker einst so schön? „Das sag ich euch – so möcht’ ich nicht begraben sein!“, und es sei daran erinnert, dass Luhmanns „Komplexitätsreduktion“ und Habermas’ „Neue Unübersichtlichkeit“ Schlagworte Mitte der 80er waren. Also zu jener Zeit, da kurz zuvor auf einmal wieder Ted Herold in den Charts war und die Leute Ludwig-Erhardt-Filme in Programmkinos stürmten, weil der im Grunde genommen so aus sah wie Helmut Kohl, nur lustiger war.
Da linke ich doch im Gegensatz dazu lieber noch einmal auf die Freiheitsfabrik:
Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muß jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen.
[Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW Bd. 1, S. 381)
Jawollja. Und nicht der Restauration mit stumpfen Diagnostiken das Wort reden. Hungrig bleiben. Und nervös.
Ein Festival der Liebe!
PROVOKATIONEN
„Ich bin mit meinem freund dagewesen, und ich bin auch unter leuten mit ihm sehr zärtlich, und hinter uns fingen leute, unabhängig voneinander aber einander aufstachelnd, an, witze über uns zu machen. sie saßen und lachten dreckig bis eine frau – es war wohl begütigend gemeint – sagte: „laßt nur, es ist ja jetzt legal.“ als sie allerdings weiter angetrunken war, sagte sie „ekelhaft ist es ja doch“.“
Ronald M. Schernikau, ZWEIUNDZWANZIGTAUSEND, in ders.: Königin im Dreck, Berlin 2009 S. 55
Was wohl passiert wäre, hätte Schernikau, damals bei „Künstler für den Frieden“ (!!!) 1982 auf der Berliner Waldbühne jenen hinter sich die „Halsabschneider-Geste“ gezeigt?
Der DFB 2009 illegalisiert so was. Und der NDR macht mit. Hätte bei der Zusammenfassung auf N3 soeben beinahe doch noch schlechte Laune bekommen, aber zum Glück war nach der hochnotbiederen Anmoderation einer schlecht ausgeleuchteten Moderatorin Florian Bruns’ Zuckerpass zum 1:0 zu sehen, ein Geniestreich, grandios, da kam die Mischung aus Euphorie und Trauer zurück, wurde noch einmal wach …
So konnte man ihr dümmliches Gerede schnell wieder vergessen davon, dass Deniz Naki ja die Rostocker Fans habe „provozieren“ wollen. Womit die BILD-Berichterstattung, dass die Ausschreitungen von Rostocker Seite nach dem Spiel in dieser Geste begründet seien, indirekt Rechtfertigung erfuhr.
Provoziere ja nicht den Mob! Vor nix hat der Deutsche mehr Angst als vor dem „Kanacken“, der sich wehrt. Provoziere ja nicht den Mob, der homophobe Transparente schwenkt und Spieler als „Kanacken“ beschimpft! Aber Weidenfeller erfuhr ja einst auch Gnade, als die „schwarze Sau“ in Asamoahs Richtung – der konterte mit der „Halsabschneider“-Geste - in „schwule Sau“ umgelogen wurde. So jedenfalls die Berichte. Ein Skandal bis heute, aber für so was erhält man heutzutage Leo Baeck-Preise.
Die Saat von Schröders „Neuer Mitte“ geht auf und somit die Schlacht darum, wer in ihr steht und so mit dem Finger auf Andere zeigen darf, unaufhörlich tobt sie als Verteilungskampf. Es scheint, als würden BILD und NDR ausgerechnet Leute wie den Zachhuber und ihre fundierte „Schnösel-Kritik“ in ihr sich ausbreiten sehen, um willig zu folgen.
Aber zum Glück gelten am Millerntor andere Regeln; die vom NDR gezielt verschwiegene Solidarisierung mit Deniz Naki, sie war immens, sie war grandios, dass selbst die BILD, die mutmaßlich seine 3 Spiele Sperre beim DFB-Mob provozierte, heute darüber berichten musste.
„Free Naki“-Schilder, „Deniz Naki“-Chöre, auf einmal hießen alle Spieler mit Nachnamen nur noch “Naki“, das Transparent „Deniz ist einer von uns!“ völlig zutreffend, und die Zettel (sorry, waren halt welche) mit seiner Rückennummer „23″ allerorten, sie trieben mir rührseligem Sack zum ersten Mal an diesem wundervollen Abend die Tränen in die Augen … denn zum Glück war die Fortuna da und nicht ein Mob wie jener aus Rostock.
FICKEN UND ORGIASTISCHE GESÄNGE
Die erste Liebeserklärung an den Club vom Rhein fand sich vor Anpfiff als Transparent im „Singing Area“: „Endlich wieder F(ortuna, das Wappen mit dem großen „F“ war zu sehen)icken!“
Im Rausch des Flutlichts stehend fragte ich mich, wieso dieses „jemandem ficken“ eigentlich die Beschimpfungskarriere eingeschlagen hat (wieso schlägt man eigentlich Karrieren ein?). Ist ja was Schönes, sogar Ehen „vollzieht“ man so, Liebesaffären können so beginnen, einst sah man darin gar die Utopie.
Insofern fand ich die Umdeutungspraxis auf der Gegengeraden sehr passend. Waren ja auch teils hübsche Spieler auf dem Platz, auch auf den Rängen vieles, das lecker schien, über die seltsame Erotik, wenn smarte, gut frisierte Jünglinge Currywurst essen, schweige ich.
Sogleich die zweite Liebeserklärung an die Fortuna: Sie fiel in der 4. Minute – so schöne Tore, siehe oben, schießt man auch nicht gegen jeden Gegner! Infolge waren erst Lechner, dann Rothenbach in unserem Strafraum ganz der Anziehungskraft ihrer Gegenspieler erlegen und kamen ihnen gaaaanz nahe, wobei der gepfiffene Elfmeter keiner war.
Dafür war das aber wohl einer, als Mathias Hain seinem Gegenspieler sich ganz hingeben wollte und sich ihm zu Füßen warf; der kam dabei zu Fall, hatte die Geste wohl falsch verstanden. Da hätten wir uns über Rot, die Farbe der Liebe, auch nicht beschweren dürfen, gab aber nur gelb wie den Neid, den dieser äußerst verpeilte Schiri wohl angesichts solcher Zuneigung empfand. Na, und ganz wie der DFB konnte er natürlich solche amourösen Provokationen nicht zu lassen, der stützt ja lieber indirekt homophobe Transparent-Schwenker.
Die Stimmung auf den Rängen näherte sich zunehmend hippiesker Euphorie an. Ein Rave! Auch das so grandiose „That’s the way we like it!“ wurde angestimmt, denn unseren Schernikau, den haben wir alle gelesen:
„Ich hatte mich ja auf ilja richter gefreut. ich finde es toll, daß jemand aus einem völlig anderen zusammenhang bei einem friedensfest mitmacht. (…) er sagte erst einmal nichts. er kam auf die bühne, und er wurde von zweiundzwanzigtausend menschen beiderlei geschlechts ausgepfiffen. (…)
hier wird wohl von seiten der alternativlinge ein kulturbegriff herhalten müssen, der discosendungen im fernsehen für unrettbar reaktionär hält. sollte das so sein, finde ich diesen kulturbegriff absurd. das ungeheure sehnen, das in jeder noch so dummen disconummer enthalten ist, sollte grund genug sein, mit den beteiligten (die übrigens ja auch ihre eigenen konsumenten sind) die sachen konkreter, phantasievoller und realistischer zu machen.“
Ronald M. Schernikau, ebd., S. 56
Wir haben daraus gelernt! Ungefähr in diesem Sinne singt man bei uns: Im Sinne des Sehnens und des Glücksversprechens, das jedem Rock’n'Roll, jeder Punk-, jeder Soul- und Disco-Nummer innewohnt. Die Rhythmen sind brasilianischer geworden in den letzten Jahren da auf der Süd, das finde ich prima!
Auch das Leuchten des Flutlichtes schien mir durchdringender zu sein gestern Abend, magischer, ja, magischer FC! – wenn auch nicht regenwäldisch oder strändisch, eher nordamerikanisch. Ein Hauch der Farben des Indian Summer in Maine und New Hampshire färbte den heiligen Ort dort inmitten Hamburgs zauberhaft; kein Wunder, wenn gelbe gegen braune Trikots spielen und die „gegnerischen“ Fans auf den Rängen in Rot sich zeigen.
Das Spiel sauspannend, auf und ab und hin und her ging es in Hochgeschwindigkeit, die Fahrlässigkeit des Abwehrverhaltens unserer Mannschaft hielt sich ebenso konstant wie zum Glück die Abschlußschwäche der Fortunen, trotzdem: Cooles, schnelles, engagiertes Team aus Düsseldorf, und selbst das „Ohne Düssel wärt ihr nur ein Dorf“ auf unserer Seite war wohl liebevoll gemeint.
Der Schamane, der unaufhörlich brabbelnd direkt hinter mir saß, der leitete dann den Höhepunkt der zweiten Halbzeit ein: „ja, gut so, sehr gut, jetzt das 2:1, jetzt, das 2:1, jetzt das 2:1, jetzt das 2:1″ usw. bei jedem Pass, und prompt versenkte Big Jim Hennings den Ball im Netz. Wie liebe ich den „Song2″ von Blur und sein Glücksversprechen! Wie sehne ich mich bei jedem Spiel nach ihm!
TRAUER ABSCHIED TRÄNEN
Dann war Schluss. Die Ränge bebten. Die Chöre wogten. Die Fortunen übertrafen erneut sich selbst und feierten ihre Mannschaft und die unsere gleichermaßen. Wir auch. „Fortuna“-Chöre auf unserer Seite. Die süßen Currywursterotomanen schräg hinter uns, neben dem Schamanen, mittlerweile mit St. Pauli-Schal über dem der Fortuna, sprachen aus, was wohl die meisten Rheinländer dachten „Ach, wir wollten einfach ein schönes Fussballspiel sehen, und das haben wir ja!“.
Na, und dann, ja, dann zitterte mir doch die Stimme beim „You’ll never walk alone“-Singen, das galt nämlich auch mir, und ich hätte fast geflennt ohne Ende. Hätte ich weiter gesungen, ich hätte aber so was von geheult. Denn der Gesang verabschiedete die alte Haupttribüne ..
War mein letztes Spiel, von dort aus gesehen. War das letzte Mal am Ort dieser Momente voller Emotion und Entsetzen, Euphorie und Absturz, Intensität und Intimität auf engen Holzbänken, die so lange keiner mehr lackiert hatte.
Mein zweites Zuhause wird abgerissen, jenes kleine Stück Hamburg, das meinen Lebensrhythmus seit 2000/2001 prägt, wo ich zwei Aufstiege und zwei Abstiege erlebt habe, wo gruselige Regionalliga-Jahre doch immer wieder von Higlights durchsetzt unser Durchhaltevermögen stählten. Und die zweite Liga seit dem Wiederaufstieg einfach einen Heidenspaß macht dank Stanislawski-Trainergott und einem Dream-Team auf dem Rasen. Und nun rollen die Bagger an … das ist wirklich ein Lebensabschnitt, der so endet.
Das erste Mal war ich kurioserweise bei „Künstler für den Frieden“ im Millerntor-Stadion,1983 muss das gewesen sein, und als die Fortunen mit uns die Haupttribüne verabschiedeten und ihr Block noch prall gefüllt war, als ich das Stadion verließ, nachdem ich lange noch zwischen sich leerenden Bänken ausharrte, da hallte es mir nach in den Ohren, das „We shall overcome“, das Joan Baez hier einst gesungen hat …
Adorno und die Regression des Hörens
Umfassend und behutsam legt Bersarin nach in unserer blogübergreifenden Schriftenreihe zu Adornos Kritik populärer Musik – ein wenig wie ein Adler, der über der Beute kreist, schreibt er
…
Einen Punkt greife ich heraus, etwas unanständig, anstatt drüben zu kommentieren, das kommt aber auch noch:
Spricht das jetzt eigentlich für oder gegen Adorno?
Wichtig ist der Hinweis schon deshalb, weil es gerade die Rezeption der großen Meme der Kritischen Theorie ist, die sie verhindert.
Vielleicht ist ja gerade angesichts gesamtgesellschaftlicher Lagen deshalb dieser Zwang zur präzisen Hermeneutik das, was die ältere Kritische Theorie so wichtig macht zur Zeit: Weil sie auch programmatisch dem Besonderen gegenüber dem falschen Allgemeinen Recht verschaffen will.
Aber ist es wirklich so, dass Adornos Konstruktion des Allgemeinen, mit der die Besonderheit der ganzen Formulierungsjuwelen in Adornos Werk, all die so präzisen Beobachtungen, die Antwort formulieren kann?
Geht doch! Vielleicht …
Wegen des Komplett-Abdrucks des unten zitierten Manifestes lohnt sich die Lektüre der aktuellen DIE ZEIT.
Kuriosum freilich die Verweise auf die „Unterstützung“ der Gängeviertel-Besetzer durch die Springer-Presse: Die gucken da nämlich den ganzen Tag drauf. Das Gängeviertel befindet sich direkt im Schatten dieses ekligen Führerbunkers, das der Springer-Verlag am nach Axel benannten Platz errichtet hat. Ein kleines Pseudo-Pärkchen verbindet beide Terrains, und die für mich nicht erschwinglichen Wohnungen im „Brahms-Quartier“ stehen dem in der Tat pittoresken „Gängeviertel“ gegenüber wie eine feindliche Macht. Und die Redakteure der heimlichen Bundesregierung wollen wohl auch lieber ein paar knackige Künstler und buntes Treiben zum Ausblick haben als weitere, leer stehende Büroflächen und Glasfassenden, von finsterem Backstein umrahmt und vorgebend, irgendwas mit Schiffen und Maritimen zu tun zu haben.
Dabei haben doch auch die Springers die letzten Reste dessen, was im Gegensatz zu den besetzten Häusern tatsächlich Denkmal der gaaaaanz alten Gängeviertel ist (die Besiedlung der Neustadt setzte Mitte des 17. Jahrhunderts ein) , eine letzte intakte Fachwerk-Zeile am Bäckerbreitergang, so eingebaut, dass kaum noch sie wahrnehmbar sind. Die stehen da wie eine Art schlechtes Gewissen der Stadt, gegenüber vom „Unilever“-Haus, ein Glaspalast aus den frühen 60ern, dem einst die zweite „Bordell“-Straße neben der Herbertstraße zum Opfer fiel. Und das letzte größere Stück Gängeviertel gleich mit.
Die Historie dieser wuchernden Viertel aus engen Gassen, „Gängen“ halt, die einst ein annähernd geschlossenes Quartier vom Hafenrand bis zum Dammtor bildeten, ist eh strukturell prototypisch für jene übergreifenden Veränderungen, die derzeit die Republik prägen. Als Ort des Widerstandes sind sie somit gut gewählt. Ähnlich wie Paris und anderen Städten begann man einst, Schneisen durch die dicht besiedelten Arbeiter- und Elendsquartiere zu schlagen, um Widerstandsnester zu zerstören. Die Kaiser-Wilhelm-Straße, an der nun der Springer-Verlag residert, ist ein Besipiel für diese Durchtrennung mitten durch die Viertel hindurch.
Die Cholera-Epidemie diente als Grund „zu sanieren“ aufgrund de favella-artigen, hygienischen Zustände; auf den Beifall der dort Wohnenden stieß das nicht: Sie mussten ausweichen in die relativ großzügig angelegten Arbeiterhöfe in Barmbek oder auch die finsteren Bauten für Arbeiter in Hammerbrook, die nach dem Krieg nie wieder aufgebaut wurden und noch in der frühen Nazizeit Hochburgen der Kommunisten und Sozialdemokraten waren: Die kleinbürgerlichen Faschisten aus St. Georg konnten sich da nicht hin trauen.
Kein geringere als Arthur Schopenhauer hatte noch Ausblick auf die Gängeviertel der nördlichen Neustadt und somit zugleich auf jene Straßen, die auch Keimzelle der jüdischen Kultur in Hamburg waren. Am Rand der Quartiere fanden sich erste Synagogen und jüdische Schulen, dahinter der „Schulgang“, bevor der Grindel zum bevorzugten Quartier wurde.
Eben jenes Stück altes Hamburg im Blick des Philosophen wurde als letzter großer, intakter Rest der alten Gänge von den Nazis abgeräumt, und noch heute tragen die anschließend dort errichteten und nach dem Krieg wieder aufgebauten Backstein-Gebäude, die altes Fachwerk ersetzten, so pittoreske Namen wie „Memel-Haus“.
Das wönzige Stöck tradierten, urbanen Lebens, das die Künstler nun besetzten, ist somit tatsächlich ein kleine, vergessene Oase einer langen Geschichte dessen, was man heute „Gentrifizierung“ nennt und neben dem Wunsch, nach den Zerstörungen des Krieges „autogerechte Städte“ zu bauen (die Ost-West-Straße ist eine fortwährend schmerzende Wunder inmitten der Stadt, und dass statt Wiederaufbau die Holstenstraße den alten Stadtkern von Altona ersetzte, das tut immer neu weh – mitten durch die Schauplätze des „Altonaer Blutsonntags“ führt sie) und gerade das Leben unterer Schichten in Hamburg der Vergessenheit anheim zu geben.
Wenn jedoch DIE ZEIT die Manifeste von Ted Gaier und anderen veröffentlicht, vielleicht bewegt sich dann ja doch was im Schatten der Elbphilharmonie. Danke an die Besetzer hier gleich um die Ecke, dass sie einen Ort mit solcher Historie und solchem Symbolwert wieder lebenswert machen wollen!
Und vielleicht geht ja der Blick noch in die südliche Neustadt, dem „Portugiesenviertel“ gleich am Hafen, wo Dank Bebauungsplan die Umwandlung in Eigentumswohnungen nicht möglich ist. Es geht nämlich, Barrieren gegen den eliminatorischen Markt zu errichten. Da zumindest …
Was haben Margot Werner und Friedrich Schiller mit Hansa Rostock gegen den FC St. Pauli zu tun?
Deniz Naki, Fussballgott!
Dass die Emotionen mit ihm durchgingen im Rostocker Stadion, also, ich verstehe das voll und ganz und kann das auch nicht als schlimmste Entgleisung der Nachkriegszeit deuten. Gegen Gunnar Heinsohn ist das ziemlich harmlos.
Schlimmer schon jene, die aus unserem Block die Leuchtrakete in jenen des Gegners schossen, das ist wirklich und tatsächlich unverzeihlich – Ring2 hat schon recht: Das ist so Cottbus! Aber wenn SpOn nicht trügt, waren die Reaktionen unserer Fans im selben Block rundherum ja angemessen … jene der Rostocker nach dem Spiel jedoch so gar nicht.
ABER das soll ja nicht vergessen lassen: Es war der erste St. Pauli-Sieg in Rostock seit 15 Jahren!!!! Und ich habe Deniz’ Geste eher so verstanden „So, Leute, mit dem Tor habe ich euch erledigt!“, eben durch sein 2:0.
Dass die ersten 75 Minuten so träge und grausig waren und einem zwar nicht die Rostocker Fans, wohl aber deren Mannschaft, die ja für ihre Verhältnisse ganz engagiert aufspielte, fast leid tun konnte, doch noch zu verlieren, das hat seinen Grund: Stani hat jetzt eine hochdifferenzierte Vortragsreihe über die Geschichte der Lebensphilosophie vor die Traninigseinheiten geschaltet.
Weiß ja jeder, dass diese bis hin zu Bergson häufig zur Geschichte des Präfaschismus gezählt wird. Dieses Urteil will er so nicht stehen lassen, genau hinlesen muss man da auch seiner Ansicht nach schon, weil eben trotz Ludwig Klages (der Derrida vermutlich den Begriff „Logozentrismus“ lieferte) und dessen Nachwirken bei Benjamin und Adorno man dieses Denken schon deshalb nicht mal eben so in die Tonne treten kann, weil der Fussball von dem lebt, was es artikuliert. Beim zentralen Begriff „Leben“ erstaunt das auch nicht, dass man von ihm lebt. Denn wie sang Margot Werner einst so schön? „Leben! Leben! Das soll mein letzter Wille sein!“
Nun hat allein die Erwähnung von Margot Werner unsere Spieler zunächst völlig verwirrt. „Hä? Wer is’n das?“ Auch bei Schiller sträubte sich kurz alles in ihnen: Ist das doch so ein Name, dem in der Schule mythische Qualitäten zugeschrieben wurden, aber was an dem ollen Schinken nun so dolle sein soll, das zu verstehen wurde vor lauter Hochkultur-Gedudel so manchem halt ausgetrieben.
Als Stani dann jedoch „der Mensch ist nur im Spiel er selbst!“ zitierte, da klickte es doch nachhaltig wirksam bei den Spielern. Hätte er’s mal bei dem Zitat belassen, und wir hätten nach nur 5 Minuten 4:0 geführt gegen diese limitierte Truppe von der Ostsee! Aber der so noch viel schönere Höhepunkt wäre uns dann auch verwehrt geblieben …
So las er noch vor:
“ Der Gegenstand des Sachtriebes, in einem allgemeinen Begriff ausgedrückt, heißt Leben, in weitester Bedeutung; ein Begriff, der alles materiale Sein, und alle unmittelbare Gegenwart in den Sinnen bedeutet. Der Gegenstand des Formtriebes, in einem allgemeinen Begriff ausgedrückt, heißt Gestalt (…); ein Begriff, der alle formalen Beschaffenheiten der Dinge und alle Beziehungen derselben auf die Denkkräfte unter sich faßt. Der Gegenstand des Spieltriebes, in einem allgemeinen Schema vorgestellt, wird also lebende Gestalt heißen können; ein Begriff, der allen ästhetischen Beschaffenheiten der Erscheinungen und mit einem Worte dem, was man in weitester Bedeutung Schönheit nennt, zur Bezeichnung dient.“
Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Fünfzehnter Brief, Frankfurt/M. 2009, S. 60
Ich vermute mal, dass Luhmanns Unterscheidung von Medium und Form noch hier seine Quelle hat; die Schillerschen Briefe sind als Kritik Kants konzipiert, und dem Materialen gegenüber dem Statisch-Formalen gibt er hier sein Recht zurück, indem er es lebendig will.
Das hat unsere Spieler natürlich inspiriert. Gerade bei Florian Bruns sah man einige dieser lichten Momente, zu denen er zwischen all den Fehlpässen und Kuriositäten immer wieder fähig ist, in denen das Schillersche Lebenslicht in ihm flackerte. Okay, zu recht ausgewechselt wurde er trotzdem.
Alle anderen kompostierten noch den Schillerschen Text, ließen sacken, beschäftigten den Gegner derweil mal so, mal so, manches mal so meditativ in sich gekehrt, dass sie gar nicht mehr so recht merkten, wohin sie den Ball gerade spielten – doch stets auf den großen Moment der lebenden Gestalt sich vorbereitend.
Und dann, endlich, die Materialisierung der Erkenntnis brach aus ihnen hervor, „ja, Schiller!!!“ riefen sie innerlich allesamt, als Matthias Lehmann diesen so überragend schönen Freistoß zum Tor formte und Karsten aus dem Saarland inmitten der O-Feuer-Sportsbar einen Indiandertanz aufführte; Menschen lagen sich in den Armen, mein individueller Sparkassen-Betreuer und ich klatschten ab, und dem Deniz fiel die Margot Werner wieder ein. Die aus Stanis Vortrag zur Lebensphilosophie – „War das nicht die mit Cheerio – diese Nacht kennt kein Tabu?“, ach so, na dann, ein Tor, eine ganz tabufreie Geste, Mund abwischen, Decke ausbreiten, Fahne einrammen und Freitag Düsseldorf wegschillern! Ach, ja, ja!, so ein Mann, so ein Mann …
Gunnar Heinsohn und die „Transferbabys“
Ich hole das noch mal hoch aus den Untiefen der Kommentarsektion, einfach, weil es mir tatsächlich die Sprache verschlagen hat. Ich dachte mich zu verlesen beim täglichen Stöbern auf den Seiten der Tageszeitungen – ist das eine besonders gelungene Satire, die sich in Sätzen wie dem folgenden verbirgt?
Den Text kann man schon in seinen Begrifflichkeiten kaum ertragen: „Gebäranreize, „Ausbreitung der Unterschicht“, als handele es sich um eine Erbkrankheit; „Karrierefrauen“, die doch lieber werfen sollten („werfen“ steht da allerdings nicht), „in die Mutterschaft locken“, „Frauen in den Transferquartieren“ (er meint wohl Universitäten) , „Wer den Leistern Respekt bezeugen, im Transfersektor aber nicht zu Torheiten verführen will“, „Massenkindhaltung“, „Elterngeldbabys“, „wenn ihnen in 24 Monaten 2 Geburten gelingen“, „Sozialhilfemutter“, „Erkindern lebenslanger Finanztransfers“, „Ermunterung zu weiterer Vermehrung“ – da fehlt eigentlich nur noch „aus Nissen werden Läuse“.
Dass eine derart ekelhafte Mischung aus Biologismus, Sozialtechnologie, perfiden Unterstellungen, Menschen- und Frauenverachtung (Väter gibt’s da ja gar nicht) in einer der großen deutschen Tageszeitungen erscheint, das ist wohl mehr als nur ein kleines Wahnsignal.
Und das Ganze wird auch noch staatlich subventioniert, wenn es stimmt, dass der Herr Heinsohn Sozialpädagogik in Bremen lehrt. Die armen Studenten. Möchte ja nicht wissen, wie viele „Transferbabys“ der Herr Heinsohn schon gemacht hat auf meine, also des „Leisters“ Kosten.
Wie viel verdienen die heutzutage? W2 um die 4000 Euro, W3 um die 5000 Euro monatlich plus allerlei Bezüge – der Mann und seine bei so einem Vater ja potenziell meiner Meinung nach bemitleidenswerten Kinder, die wahrscheinlich auch eines Tages auf meine Kosten Professoren werden, seiner Logik folgend, kosten mich also in etwa zwischen 50 und 60.000 Euro im Jahr mindestens; keine Ahnung, wie da Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld Anwendung finden. Dagegen kommen mich die Neuköllner Babys ja richtig billig. Also bitte lieber mehr von denen! Die sind mir auch wesentlich sympathischer.
Also fangen wir doch mal punktuell an, Transferleistungen zu streichen, bei Herrn Heinsohn nämlich. So einer hat meiner Ansicht nach an staatlichen Universitäten nichts verloren.
„Klassismus“
Das Buch zu vielen Diskussionen bei befreundeten Blogs und hier ist gerade im Unrast-Verlag erschienen: „Klassismus – Eine Einführung“ von Andreas Kemper und Heike Weinbach. Es fasst prägnant und strukturiert die Ergebnissse der US-Classism-Forschung zusammen. Beim ersten querlesen fand ich viel lebensweltlich und gedanklich Wohlvertrautes, das jedoch unter dem Oberbegriff subsummiert als mehrdimensionales Diskriminierungsmuster erkennbar wird und viel von den Foucaultschen Normalisierungstheoremen gelernt hat. Da wird bei Gelegenheit noch draus zitiert.