Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Momo on the radio: Musical – verdammt viiiiiiiiel Gefühl zwischen Camp, Kommerz und Konvention, Fr., 20.00 h, FSK

Ich hätte den Ankündigungstext vielleicht noch mal lesen sollen :D – ja, ich löse vieles ein, was ich da geschrieben habe. “Konvention” und “Kommerz” kommen jetzt allerdings eher indirekt vor. Obwohl ich sogar noch eine halbe Stunde on top bekommen habe und die Sendung zweieinhalb Stunden lang ist, fehlt mir trotzdem noch ganz viel. Das war aber notwendig, auszudünnen, weil die Story bis ins 19. Jahrhundert zurück reicht. Und die differenten Wurzeln in Europa und den USA eben auch kritisch gewürdigt sein wollen. Zum Anhören einfach auf “Mp3-Stream” klicken.

Ich muss vielleicht bei Gelegenheit noch eine zweite Sendung hinterher schießen, da liegt noch viel Umthematisiertes herum, und es fehlen unter anderem  “Hair”, “Les Miserables”, “Cabaret”, “Sister Act”, “Mama Mia!”, nur ein Song von Stephen Sondheim … und auch “Finding Fela!”, ein 2008 in New York uraufgeführtes Musical über Fela Kuti, habe ich nicht unter bekommen. Obgleich da sogar die unvergleichliche und überragende Patti Labelle mitgesungen hat. Eine doppelte Streisand habe ich mir trotzdem gegönnt.

Das Ergebnis ist aber hoffentlich nichtsdestotrotz inspirierend geworden. Es ist schon immer erstaunlich auch für mich, was selbst dann, wenn ich mich halbwegs vorbereite, für eine Eigendynamik in der Erzählung sich entwickelt. Ergebnis gefiel mir dann trotzdem :)

Hier wie immer die Playlist:

 

Sophie Tucker – Some of these days. (Ist zwar aus keinem Musical, man hört aber Vaudeville heraus, und der Song spielt eine gewichtige Rolle im Finale von Sartres “Der Ekel”. Wer hinein liest, wird dort bedauerlicherweise rassistisches Vokabular finden, vorlesen tue ich das nicht. Es ist trotzdem ein faszinierendes Stück Literatur und das Vokabular meines Erachtens nicht prägend für das, was ansonsten drumherum geschrieben wird. Da lasse ich mich aber wie immer korrigieren, falls ich was nicht peile, und veröffentliche Interventionen prompt)
John Barrowman – Dreamers (aus: “Jean Seaberg”)
Marlene Dietrich – You do something to me (aus: “Fifty Million Frenchmen”)
Elaine Page – Anything goes (aus: “Anything goes”)
Chita Rivera & Mary McCarty – Class (aus “Chicago”, Original Cast Albums)
Donna Murphy – Surabaya Johnny (aus: “Happy End”)
Wayne Shorter – Mack the Knife (aus: “Dreigroschenoper”)
Gene Kelley – Singing in the rain (aus: “Singing’ in the rain”)
Original Cast of the Kiss of the Spiderwoman – Only in the Movies (aus: “Kiss of the Spiderwoman”)
Zarah Leander – Kann die Liebe Sünde sein (aus: “Der Blaufuchs”)
June Anderson, London Philharmonic Orchestra – Glitter and be gay (aus: “Candide”)
Duke Ellington – Hit me with the hot note (aus: “Sophisticated Ladies”)
Fred Astaire – Puttin’ on the Ritz (aus: “Puttin’ on the Ritz”)
Carol Woods – Wasted Life Blues (ursprünglich von Bessie Smith. ist aus keinem Musical, das an der Stelle aber mit Absicht. Außerdem entnommen dem Album “Diva Collection”)
Georgette Dee – Die Jahre sind ein Buch (aus: “Beiß mich, ich will das Leben spüren”)
Hildegard Knef – Medley aus “Silk Stockings”
The London Theatre Orchestra & Cast – Masculinity (aus: “La Cage aux Folles”
Tim Curry – Sweet Transvestite (aus: “Rocky Horror Picture Show”)
Gloria Gaynour – I am what I am (aus: “La Cage aux Folles”)
Original London Cast – The Movie in my mind (aux: “Miss Saigon”)
Barbra Streisand – Send in the clowns (aus: “A Little Night Music”)
Hartwig Rudolz – Mehr will ich nicht von Dir (aus: “Phantom der Oper”)
Barbra Streisand – “Somewhere” (aux: West Side Story)
Rio Reiser – Somewhere over the rainbow (aux: “Wizard of Oz”)

 

Hier auch wie immer die Literaturliste:

 

- Bourdieu, Pierre, Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. 1996 (8. Auflage)

- Deleuze, Gilles, Das Zeit-Bild, Frankfurt/M. 1997

- Greenberg, Clement, Avantgarde und Kitsch, in ders.: Die Essenz der Moderne, Hamburg 2009

- Illing, Frank, Kitsch, Kommerz und Kult – Soziologie des schlechten Geschmacks, Konstanz 2006

- Puig, Manuel, Der Kuß der Spinnenfrau, Frankfurt/M. 1979

- Sartre, Jean-Paul, Der Ekel, in ders.: Gesammelte Werke – Romane und Erzählungen, Reinbek bei Hamburg 1987

- Schmidt, Günther, Das grosse DerDieDas, Reinbek bei Hamburg 1991

- Sontag, Susan, Anmerkungen zu “Camp”, in dies.: Kunst und Antikunst, Frankfurt/M. 2006 (8. Auflage)

 

Folgende Quellen habe ich zusätzlich verwendet:

 

- “Vaudeville and the American Entertainment Industry”, Racism in the United States (Achtung, Triggerwarnung, Link führt auf rassistische Darstellungen)

- “Ohne Anführungszeichen”, Stöger, Katharina/Dirk, Valerie . Ich finde vieles hochproblematisch in dem Text, anderes war schlicht und ergreifend sehr informativ.

 

Nur die halbe Strecke zurück gelegt auf dem Weg des Künstlers: FC St. Pauli – Borussia Dortmund 0:3

IMG_5632.JPG

Die St. Pauli-Chöre schallten mir schon entgegen, als ich durch die Wallanlagen lief: Mehr als eine Stunde vor Anpfiff. Wechselgesänge zwischen Süd und Gegengerade begrüßten mich beim Hinaufsteigen der Treppe zu meinem Platz. Sogar die Musik vor dem Spiel war mal prima.

Das Stadion proppevoll, selbst die Dortmunder sind zu hören und werden doch übersungen. Pfiffe für Klopp verstehe ich nicht. Eine schier unglaublich großartige Choreo auf der Süd, nicht minder imposant die Fahnen auf der Gegengeraden in braun/weiß/rot und Blockfahne plus Fahnenmeer auf der Nord. Ein großer Fussballabend soll es werden! Na, es wurde zumindest kein ganz schlechter.

Toll aussehende Pyro-Einlage in der Halbzeit – übrigens deutlich aus der Menge heraus gehalten, die Leuchtfeuer, ganz so, wie das bei legalisiertem, kontrollierten Flammenspiel möglich wäre. Recht ist wandelbar, liebe Legalisten. Den Pfeifenden und Buhenden links von mir auf der Haupttribüne schmetterte ich ein BRAVO! angesichts der Show entgegen. Die sollten sich mal samt und sonders Adornos “Studien zum Autoritären Charakter” zu Gemüte führen.

Dieses Pass-Spiel auf engstem Raum der Dortmunder beeindruckt nicht nur mich, sondern leider auch unser Team. Es kommt ins Schwimmen. Wir sind noch sehr weit weg von Liga 1, so what. Wir sind halt wir.

Und ja, ich empfehle dringlichst allen Spielern die Lektüre von “Der Weg des Künstlers” von Julia Cameron. Man kann die spirituellen Ausführungen in dem Buch auch gut und gerne ignorieren. Was mensch bei all den Übungen dort lernen kann, ist: Schaue nicht auf Andere, mach, was Dir Spaß macht und was nur Du und sonst keiner kann. Weil Du einzigartig bist. Mach Dir keine Gedanken, wie Andere Dich sehen könnten, SEI und TU einfach.

Das sind keine Bibelsprüche; das ist in anderen Zusammenhängen der Weg zum Empowerment. In über 20 Jahren Arbeit in der “Kreativbranche” ging immer alles schief, Mehr von diesem Beitrag lesen

Deutungsmuster nach #HoGeSa: Die Mitte macht mobil – und scheitert …

Man muss sich doch nur die “Süddeutsche Zeitung” vom 18./19. Oktober 2014 angucken, S. 13, um zu peilen, was gestern in Köln los war: Große Überschrift “Die Spur der Bomben”, Unterzeile: “Seit Jahren versuchen Islamisten, in Deutschland Attentate zu verüben. Jetzt tritt eine neue Generation von Dschihadisten auf. Sie ist so gefährlich wie keine zuvor”. Daneben: Bilder von People of Colour, u.a. solche Darstellungsweisen, die zu Ferguson und mutmaßlich auch zu Oury Jalloh führten. Ich kann mich nicht an ähnliche, ganzseitige meines Erachtens dank Bebilderung rassistische Pamphlete erinnern in Fällen wie dem gestrigen: “Eine neue Generation “Bio-Deutscher”, gefährlich wie nie zuvor” war auch nach dem Aufmarsch nirgends zu lesen. Auch nach dem NSU nicht.  Ja, da steht “Dschihadisten”, die Bebilderung spricht aber ja für sich: Ggf. tatsächlich gefährlicher Terror wird “rassifiziert”.

Ich habe auch nach Überfällen auf Schwule in Berlin nie gelesen “Eine neue Generation Heterosexueller macht Jagd auf Minderheiten”. Nein, stattdessen Mehr von diesem Beitrag lesen

Sterek statt Karlsruhe: There’s a place for us

Karlsruhe

 

 

Schnell raus schreiben den Scheiß.

Das soll sich nicht irgendwo fest setzen und unwillentlich vor sich hin wesen.

Da kann man sich auch nichts mehr schön schreiben.

Mich drum lieber an abstrakte Liebe zum FC St. Pauli krallen und wieder der Musical-Sendung für das FSK widmen kann da wohl nur die Antwort sein. Entwickelt sich allmählich zu einer Art ästhetischem Manifest zur Ambivalenz, das Programm, Freitag um 20 h dort zu hören. The movie in my mind. Everything goes. Surabaya Johnny, warum bist Du so roh? Glitter and be gay. There’s a place for us. Die Breitseite ergänzt zauberhaft:

Ich sehe es nämlich auch so wie Hilary Hinton: „Es geht im Leben nicht darum, zu warten, dass das Unwetter vorbeizieht. Es geht darum, zu lernen, im Regen zu tanzen.“

Singin’ in the rain. Somewhere, over the rainbow …

Um das Spiel herum schreiben, so, als hätte ich diese zermürbende Hilflosigkeit meiner Helden gar nicht gesehen.

“Sterek” finde ich gerade cool. Während hierzulande die Mediennutzung ja eher, na, trübes Gemecker wie auch der Drang zur Herabwürdigung  und Selbsterhöhung plus Normalitätserwartung antreibt, haben die US-Fans mehr Drive. Die geben sogar den Popkulturtheoretikern vergangener Tage recht. Stuart Hall zum Beispiel, dessen Encoding/Decoding-Modell Generationen von Studenten der “Manipulationshypothese” entgegen stellten: Was ankomme, sei eben was anderes, als das, was die Sender intendierten. Oder John Fiske, der den kreativen Umgang mit Popkulturgütern als produktiv und eigenständig deutete. Von dem ich sonst so gar nix halte; ausgerechnet im Falle von “Teen Wolf” hat er recht. Da lesen US-Zuschauer in unzähligen Blogs und selbst zusammen geschnittenen  Youtube-Videos (man gebe “Sterek” als Suchbegriff ein), in liebevoll gezeichneten Comics und Gemälden eine Beziehung zwischen Stiles Stilinski und Derek Hale, zwei der Figuren, hinein, obwohl diese nie jemand hat schreiben wollen. Die Serie geht mit dem queeren Thema insgesamt schon recht souverän um, souveräner als mit black cultures, es gibt auch einen schwulen Werwolf und ein Lesbenpaar taucht recht selbstverständlich auf. Aber dass nun ganz und gar produktiv eine Konstellation begierig abgefeiert wird, die mir zwischen den Zeilen völlig entgangen ist, so dass sogar die Schauspieler in öffentlichen Auftritten miteinander zu schmusen beginnen, das zeugt ja geradezu von Zeichen des Besseren nach Jahrzehnten evangelikaler Propaganda. Wie die riesige Regenbogenherzflagge auf der Nord gestern ebenso. By, Bye Nord :( … Du wirst prachtvoll auferstehen, wie die Gegengerade im Gegensatz zur Haupttribüne ja auch.

Ich schreibe um das Spiel herum, weil ich über es nicht schreiben mag.

So auch der Smalltalk mit dem Kleinen Tod nach dem Spiel vor der Domschänke: “Willst Du DARÜBER etwa bloggen?”, fragte er. Ich empfahl, einfach über irgendwas zu schreiben. Irgendetwas, das wir schön finden. Das Spaß, Hoffnung und Freude bereitet.

So zum Beispiel die Begegnung mit einem tief ins Herz geschlossenen St. Pauli-Weggefährten nach dem Spiel. Der wieder mit dabei war. Das war viel wichtiger als das, was die Mannschaft so alles nicht machte. Und auch die anderen drumherum sind noch viel wesentlicher als das auf dem Platz. Das sich aber gerne steigern darf. Irrelevant ist es ja auch nicht.

Ja, wir lieben Dich und träumen von Dir, FC St. Pauli. Manchmal wacht man halt kurz auf, denkt sich “so what!”, und weiß, dass Liebe wichtiger ist als Erfolg. Da mache ich vielleicht eines Tages ein Musical draus. Weil es so schlicht wie wahr ist.

Fussballästhetik und popkulturelle Phantasmen: Fortuna Düsseldorf – FC St. Pauli 1:0

IMG_5605.JPG

Da schmierte ich vor geraumer Zeit schon mit Ölfarben ein Gemäldchen vor mich hin – und, huch, dann stellte ich fest, dass es OZ-Anspielungen enthielt. Dabei wollte ich mich mit Keith Haring auseinander gesetzt haben. Und die komplexen Werke von OZ kannte ich da auch noch gar nicht. Nur ein Gesicht in der Bildmitte, das hatte nie gestimmt. Nun verzierte ich es im Gedenken einfach mit einem pink Smiley.

Zum Thema – dem Dusseldorf-Spiel – leitet das sehr wohl über. Würde

Mehr von diesem Beitrag lesen

Momo on the radio: Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Oktober-Ausgabe, FSK, 13.10., 14 – 16 h

Sätze, die ins Leere laufen … der Versuch, gesprochene Sprache wirklich halbwegs unredigiert als gesprochene Sprache zu begreifen und zu sprechen … mit Neuansätzen, Wortdopplern und was sonst noch so alles dazu gehört. Wie immer beim Freien Sender Kombinat Hamburg.

Jetzt habe ich sogar das Abschiedsspiel unseres Kapitäns, #fürimmer17!, sausen lassen müssen, um noch der selbstauferlegten Verpflichtung, die ja gar keine ist, sondern Freude und Freiheit verheißt, zu folgen. Eben die monatliche “Tales of St. Pauli”-Sendung zu produzieren. Dauert ja doch immer eine Weile, bis das alles fertig ist.

Mit kurzen, unhörbaren Schluchzern durchsetzt im Off, wenn die Musik läuft, produzierte ich vor mich hin, trauernd, nicht endlich mal wieder heimlich Florian Bruns hinterher sehnen zu können und all die anderen so sehr Vermissten mal wieder spielen zu sehen …

Ich hoffe, das Opfer hat sich auch für die mutmaßlich Zuhörenden gelohnt. Eine kleine philosophisch-st.paulianische Weltreise rund um Körperlichkeit, bei der in elegischer Melancholie ein Saxophon Übender auf dem Hinterhof fortwährend und stundenlang seinen akustischen Senf dazu gab.

Hier ist wie immer die Playlist:

 

Donna Summer – On the Radio
Gus Gus – Obnoxiously Sexual
Isis Salam – Let got (feat. Kruse & Nuernberg)
Virgo – Free yourself
Grover Washington Jr. – Knucklehead
Hildegard Knef – Wird Herbst da draußen
Orchestre Poly-Rythme de Cotonou – Ou C’est Lui Ou C’est Moi
Electric Six – Can you feel it
Phillip Malela – Tiba Kamo
Sonny Rollins – The Bridge
Kurtis Blow – The Breaks
Adonis – We’re rocking down the House
Candy J – Desirable Revenge
Frankie Knuckles & Jamie Principle – Your Love
Nick Chacona – The Fear (Beg to Differ Remix)
Dee Dee Bridgewater – Midnight Sun
Kele – Coasting
Wie schon das letzte Mal packe ich auch eine Literaturliste hierhin, da ich doch einige Quellen zitiere:
- Blechschmidt, Andreas, All City King – OZ und der städtische Raum, in: Blechschmidt, Andreas/Flügel, KP/ Reznikoff, Jorinte (Hg.), Free OZ! Streetart zwischen Revolte, Repression und Kommerz, Berlin/Hamburg 2014
- Burchhart, Dieter, Jean Michel Basquiat – Revolutionär zwischen Alltag, Wissen und Mythos, in: ders./ Keller, Sam, Basquiat, Ostfildern 2010
- Flügel, K.P, OZ stellt unser gesamtes System in Frage, Interview mit Christoph Tornow, in:  Blechschmidt, Andreas/ Flügel, KP/ Reznikoff, Jorinte (Hg.), Free OZ! Streetart zwischen Revolte, Repression und Kommerz, Berlin/Hamburg 2014
- Liebman, David, Der persönliche Saxophonsound, Nürnberg 1993
- Merleau-Ponty, Maurice, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966/1974
- O’Brien, Wer war dieser Mann mit der Maske?, in: Burchhart, Dieter/ Keller, Sam, Basquiat, Ostfildern 2010
- Seel, Martin, Die Zelebration des Unvermögens, in ders: Ethisch-Ästhetische Studien, Frankfurt/M. 1996
Außerdem zitiere ich: Kapstadt.de, queer.de und metalust.wordpress.com .
Viel Spaß – wer auch immer das hören möchte ;)

Shitstorm initiieren, weil ihr Kunst gar nicht könnt, liebes Schauspielhaus?

Habe soeben bei Facebook einen Text von stpauli.nu geteilt und kommentiert; ich hole das noch schnell hier mit rüber.

Weil ich die Befürchtung habe, dass das gerade falsch diskutiert wird (ich lasse mich da gerne korrigieren).

Es ist davon auszugehen, dass die Schauspielhaus-Akteure die Diskussionen rund um gewalthaltige, rassistische Begriffe und Blackfacing kennen und verfolgt haben. Beides ist sehr gut dokumentiert, und es macht keinen Sinn mehr, das nun ständig und immer wieder jenen gegenüber aufzurollen, die die Argumentation mutmaßlich sogar voraus setzen. Die zivilisatorischen Standards sind klar benannt; wer derart großflächig dahinter zurück fällt, WILL das wohl so.

Leider ist in diesem Fall zu vermuten, dass das Schauspielhaus zum wiederholten Male wider besseren Wissens das Ganze eben in der Absicht so inszeniert, um die entsprechende und berechtigte Gegenwehr zu Publizitätszwecken zu nutzen. Weil das, was da sonst als “Kunst” inszeniert wird, keinerlei Relevanz mehr erzeugt. Und wohl auch, weil mutmaßlich ein Interesse daran besteht, auf einem klar weiß dominierten Feld wie dem Theater Rassismus zu zementieren. So finden sie wohl wieder Gehör.

Was um so umverschämter bei diesem Stück ist. Genets Werk ist halt wie Jean-Paul Sartres “Die ehrbare Dirne” ein Versuch gewesen, so etwas wie “Critical Whiteness” zu betreiben, als es den Begriff noch nicht gab. Da ging vieles schief; das mag den Versuch aus der Zeit heraus tatsächlich ehren, das Resultat aber kann es nicht adeln.

Und BEIDE würden, würden sie sich heute noch äußern können, vermutlich vehement dagegen wehren, dass die Stücke noch aufgeführt werden, weil der “Zeitkern” zu dominant ist – Genets Direktive, im Text bei stpauli.nu zitiert, belegt das ja deutlich und schafft exakt den Raum dafür, jenen, die von Rassismus betroffen sind, diese Entscheidung zu überlassen aus sehr guten Gründen.

Was das Schauspielhaus daraus macht, ist meines Erachtens multipel perfide, weil es den Protest mutmaßlich bereits einkalkuliert – wie Teenies auf dem Schulhof, die es witzig finden, Ausgegrenzte und Herabgewürdigte so lange zu piesacken, bis diese emotional angemessen reagieren.

Das ist pubertäre Grütze, in meinen Augen öffentlich inszenierter Sadismus, und in der Tat stellt sich da die Frage, was die Subventionierung solcher pubertär agierenden Häuser noch legitimiert. Sollen sie doch aufführen, was sie wollen, um sich dann über vermeintliche “Zensur” zu beklagen, weil ihnen künstlerisch sonst nix mehr einfällt – Förderung oder Aufmerksamkeit verdienen die echt nicht mehr.

Die Dialektik von Ordnung und Varianz: FC St. Pauli – Union Berlin 3:0

IMG_5585.JPG

Die kurioseste Passage im OZ-Buch ist, es wundert kaum, jene, da psychiatrische Gutachten sich des Sprühlings annahmen. Die Funktionsfähigmacher, Unterdrogensetzer (ja, manche brauchen das Zeug auch und dann ist es ja gut so, wenn sie’s bekommen) und ihr Blick: Irgendwie schwingen da oft die Elektroschocks mit, die man Schwulen einst zum Abgewöhnen des Begehrens verabreichte.

Eines dieser Highlights der Indvidualisierung des Strukturellen, des Aufbürdens kollektiver Zurichtungen dem Einzelnen spricht aus einem der Gutachten zu OZ: “Aufgrund seines schweren Schicksals neigt Herr F. dazu, sich in Dinge hineinzusteigern. Er fühlt sich leicht abgelehnt und verfolgt”.

Und das wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, da auflagenstark der Boulevard ihn wortgewaltig hetzte, Innensenatoren in spe ihn für immer einsperren wollten.

Ihn, dem das Leben von Sozialhilfe von der BILD um die Ohren gehauen wurde, als müsse man an ihm das Exempel all der für nutzlos, überflüssig und dsyfunktional Erklärten statuieren. Die nicht auch noch wagen sollen, die Schnauze aufzumachen – oder gar zu sprühen.

Ihm, der noch bevor die CDU Wahlkampf gegen “Brandt alias Frahm” machte, um die uneheliche Herkunft wie auch das Nutzen eines Tarnnamens im Widerstand gegen die Nazis herauszustellen, außerhalb der christlichen Zwangsehe in diese Welt geworfen von Caritasschwestern als “Satansbrut” bespuckt wurde. Er kritzelte daraufhin auf Tischen herum, und die Sozialhygieniker rasteten aus. Immer wieder, immer neu – wie OZ da wohl den Eindruck bekam, in einer ihm feindselig begegnenden Welt zu leben, auch weiterhin, also, ganz klar ein Knacks. Der steigerte sich da nur rein.

Lustig auch der psychiatrisch geäußerte Satz “Er sprüht, um der Welt zu zeigen, dass er da ist!” Was man so wohl angesichts jedes Facebook-Kommentators, jedes Innensenator-Statements und jedes Hupens auf der Straße ebenso diagnostizieren könnte. Dass nun ausgerechnet Redakteure großer Schmierfinkblätter fragten, wie “gestört” dieser Mann sei, während sie fortwährend einvernehmliches Miteinander stören, na, manch Kommentator unter Fotoveröffentlichungen des FC St. Pauli scheint sich dem Hörensagen nach dem angeähnelt zu haben. Legalismus ist ein Zeichen für mangelndes, demokratisches Bewusstsein, ihr Lieben.

Nun stand das gestrige Spiel ganz im Zeichen von OZ, und das war auch gut so! Wie cool die quietschbunte

Mehr von diesem Beitrag lesen

“Die Mauern müssen bersten vor Glück!”

IMG_5569.JPG

Gestern angekündigt, heute ausgeführt: Das Überschreiben und Oz.

Mit dem Musical habe er gar nichts zu tun und bedaure das, sagte er. Er sei ja kein Zauberer.

Unmittelbar nach Oz’ Tod, R.i.P.!, ist nun das Buch “Zwischen Repression, Revolte und Kommerz” erschienen, herausgegeben von Andreas Belchschmidt, Kp Flügel, Jorinde Reznikoff.

Es macht tatsächlich Spaß, darin herum zu blättern und sich anzuschauen, wie Oz die Stadt Mehr von diesem Beitrag lesen

“the idea is that two or three people can have a conversation with sounds, without trying to dominate it or lead it.”

Das ist wieder einer dieser Tage. Der heutige. Einer, da ich raus schreiben muss, weil sich sonst etwas im Kopf unaufhörlich weiter dreht. Das leitet aber direkt zum Thema über. Diese Gedankendreher kenne ich noch aus dem Job, diese endlosen Diskussionen mit sich selbst rund um die Sätze anderer Leute. Sie können Schlaflosigkeit initiieren, einen Burn Out signalisieren, auch Depressionen. Das Problem habe ich aktuell nun keineswegs.

Dennoch gibt es noch ein Phänomen, das eine sehr gute Freundin und Mentorin mal das “Überschreiben von Erfahrungen” genannt hat. Mensch lebt genüsslich vor sich hin, sehnt, lacht und genießt, und ruuuuuums, fliegt einem von irgendwo ein Satz entgegen: Dass irgendein mexikanischer Bischof meinte, wenn Schwule und Lesben heirateten, würden manche bald ihre Haustiere ehelichen. Oder hübsche Jünglinge beschimpfen sich wechselseitig als “Schwuchtel”, man hört es im Vorbeigehen auf dem Schulterblatt – und plötzlich fliegt Mensch aus der eben noch so ganz eigenen Erfahrung, der Selbstverständlichkeit des Weltgenießens. Auf einmal dominieren wieder mehrheitsgesellschaftliche Perspektiven das ganz alltägliche Erleben. Natürlich ist Ziel, den ganzen Quatsch einfach zu ignorieren und die Hater nicht noch fortwährend aufzuwerten. Das ist nur gar nicht so einfach; je näher die Einschläge kommen, desto schwerer fällt es. So als soziales Wesen ist Mensch ja nicht autark.

Ich vermute mal, dass es sogar für solche, die aus Gewohnheitsrecht mit N-Wörtern um sich werfen oder Frauen herabwürdigen, weil man das unter Männern so macht, offenkundig fällt vielen Heten sonst das Begehren schwer,  sogar eine ähnliche Erfahrung ist, wenn sie darauf hin gerüffelt werden. Das ist dieser Moment, den Jean-Paul Sartre so vortrefflich in “Das Sein und das Nichts” beschrieben hat”: Man ist so ganz im Seinsvollzug, und auf einmal trifft einen der Blick des Anderen. Er wählt den Blick durch das Schlüsselloch als Beispiel, bei dem ertappt wird – das ist ja übliches Motiv in Horror-Filmen: einer guckt durch, und auf einmal erscheint auf der anderen Seite auch ein Auge.

Der Unterschied in der Erfahrung, die man da macht, sollte dennoch offenkundig sein: Die Herabwürdigung strukturell diskriminierter Anderer, die ja nicht einfach so ein paar Worte sind, sondern die wie schweres Mobbing wirken, stellt aktiv einen Bezug zum Anderen her, der anschließend zurück gewiesen wird. Das erfahrende Subjekt, das einfach so durch die Straße tobt und plötzlich von verbalen Schlägen getroffen wird, ganz, wie es ihm bei gebracht wurde, dass diese immer und überall lauern können, hat keinerlei Bezug hergestellt und erfährt trotzdem eine Attacke. Söhne von Freunden stehen amüsierwillig an Straßenecken – plötzlich hält die Polizei, sie werden gefilzt, weil sie als schwarz gelesen werden. Mensch will mit weißen Freunden einen Club besuchen, nö, kein Einlass, der “Migrantenanteil” sei schon zu hoch. Mensch im Rollstuhl fährt mit Freund an die Kaufhauskasse, der Verkäufer spricht nicht ihn an, der etwas kaufen möchte, sondern redet nur in Richtung des Begleiters.

Die aktuell perfideste Masche, den so fortwährend Attackierten das Problem wieder rüber zu schieben, was gesellschaftliche Zurichtungen ihnen antrainiert haben, Mehr von diesem Beitrag lesen

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 999 Followern an